Das Projekt InLiQua - Internationale Lehrkräfte in Qualifizierung - berichtet an dieser Stelle über den Stand der Dinge: welche Meilensteine haben unsere Teilnehmenden schon gemeistert, welche Methoden haben wir gemeinsam ausprobiert und welche Materialien erarbeitet. Dieses Journal wirft kleine Schlaglichter auf die Ergebnisse der sechsmonatigen Qualifizierungsreihen.
Ende Januar dieses Jahres haben wir uns von unseren Teilnehmenden des InLiQua 3 Kurses verabschiedet. Der Kurs lief von August 2024 bis Januar 2025. Auch in diesem Journal möchten wir von unseren Erfahrungen berichten. Unser Augenmerk haben wir unter anderem auf die Praxiseinätze an den Schulen gelegt. Denn dies ist ein wesentlicher Baustein der Qualifizierung und wird im Rückblick von unseren Teilnehmenden als sehr wertvolle Erfahrung und Erkenntnisgewinn wahrgenommen.
„Meine Erwartungen an den Praxiseinsatz? Meine eigenen Stärken und Schwächen erkennen.“ (Tayfun)
In den Evaluationsphasen nach den Praxiseinsätzen sowie in den abschließenden Praxispräsentationen unserer Teilnehmenden wurden die Beobachtungen des Schulalltags geteilt und reflektiert: Welche Regeln und Rituale gelten im Schulgebäude und im Klassenraum? Welche Methoden nutzen die Lehrkräfte? Wie wird in Nachmittags-AGs gearbeitet? Welche Besonderheiten der Kommunikation lassen sich beobachten? Und viele Dinge mehr.
Die bewusste Wahrnehmung all dieser Aspekte führte zu persönlichen Erkenntnissen und Anreizen für die zukünftige berufliche Praxis:
„Mein Praktikum war ein Baustein – eine Lernreise für die Zukunft!“ (Halyna)
Währen der Praxiseinsätze fiel unseren InLiQuas ein Aspekt ganz besonders ins Auge: Die große Bedeutung der Förderung sozialer, personaler und methodischer Kompetenzen:
„In Hamburger Schulen wird viel Wert auf soziale und persönliche Kompetenz gelegt, das finde ich wunderbar.“ […]„Der Klassenrat war eine gute Methode für die Kinder, Wünsche zu äußern. Darüber wurde dann diskutiert. […] (Masha)
„Ich habe ein Tagebuch geschrieben und jeden Tag den Unterricht, die Methoden und das Verhalten der Kinder notiert“ (Tayfun)
„Ich habe Demokratie gelernt… Ich weiß jetzt, dass man nichts so einfach entscheidet. Zuerst werden Argumente ausgetauscht und jede Meinung zählt“ (Said)
Neben den Praxiseinsätzen hat sich in unserer Qualifizierung die Zusammenarbeit mit Expertinnen aus unterschiedlichen Bereichen wie Psychologie, Pädagogik, Inklusion oder Recht bewährt. Mit ihrem fachlichen Know-how und ihren spezialisierten Kompetenzen bereichern sie die Qualifizierungsinhalte maßgeblich und ermöglichen eine vertiefte Auseinandersetzung mit relevanten Themen. Der direkte Austausch mit Expert*innen ermöglicht den Teilnehmenden komplexe Themen und Situationen besser zu verstehen und dadurch professioneller zu handeln. Die Einbindung von Expertinnen fördert darüber hinaus einen interdisziplinären Blick, der im beruflichen Alltag zunehmend gefragt ist.
Wir haben mit unserer Expertin aus dem Bereich Pädagogik und Inklusion - Agnes Filipiak (AF), wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Hamburg, - gesprochen. Sie hat der Projektleitung InLiQua - Olga Haber (OH) - ihre Erfahrungen mit unseren Teilnehmenden geschildert.
OH: Frau Filipiak, Sie begleiten schon den dritten InLiQua-Durchgang. Welche Erfahrungen haben Sie mit unseren Teilnehmenden gemacht? Welche Herausforderungen begegnen ihnen hier im deutschen Schulsystem?
AF: Die meisten InLiQua-Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben umfangreiche Erfahrungen mit dem Unterrichten in ihren Heimatländern. Hier in Deutschland werden Sie jedoch oftmals mit einem völlig anderen Schulsystem konfrontiert. Dazu zählen nicht nur Schulformen wie Grundschule bis zur 4. Klasse und bundeslandspezifische „Eigenheiten“ wie Vorschule, Stadtteilschule und ReBBZ, sondern viel grundsätzlichere Aspekte.
OH: Was bedeutet das konkret für die Teilnehmenden?
AF: Na ja, viele sind irritiert, wie Schule bei uns „geht“: Muss ich jede Stunde verschriftlichen und jemandem vorlegen? – Das ist der Supergau angesichts der sprachlichen Herausforderungen! Was tue ich, wenn die Schülerinnen und Schüler sich daneben benehmen? Wo bekomme ich Ideen für Methoden und Materialien her? Und was soll ich überhaupt vermitteln? Mit solchen Fragen wenden sie sich auch an mich in meinen Workshops.
OH: Es steht also auch das Systemverständnis auf dem Prüfstand…
AF: Ganz genau. Oftmals werden die „Freiheiten“, die sowohl Lehrkräfte als auch Schülerinnen und Schüler bei uns haben als sehr verunsichernd wahrgenommen. Dem gegenüber stehen starre Regularien wie die Zugangsbedingungen in den Lehrerberuf für ausländische Lehrkräfte sowie die Sprachbarriere. Sprache spielt für das Unterrichten eine sehr zentrale Rolle. Entsprechend groß ist der Druck auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Bemühungen sich an unser System und unsere Gegebenheiten anzupassen, sorgen oftmals dafür, dass vergessen wird, welche Ressource gerade die alternativen Erfahrungen und Zugänge darstellen. Natürlich müssen die Teilnehmenden wissen, wie bestimmte Dinge bei uns vermittelt und praktiziert werden, weil sie ja Teil dieses Systems werden sollen und wollen und auch im Kollegium partizipieren wollen, aber das heißt ja keineswegs, dass andere Perspektiven, Methoden oder Zugänge, die in den jeweiligen Heimatländern üblich sind, nicht auch extrem wertvoll für den Unterricht hier sein können.
OH: Wie reagieren die Teilnehmenden auf diesen Perspektivwechsel?
AF: Viele sind zunächst sehr überrascht, wenn ich ihnen verdeutliche, dass Sprache nur einen kleinen Teil der Vermittlung ausmacht und Lernen über so viele andere Kanäle (oft sogar besser!) funktioniert. Und dass Schülerinnen und Schüler für den Lernprozess mit verantwortlich sind. Man kann auch durchaus mal reden und machen lassen, wenn einem mal die richtigen Worte fehlen. Das ist sehr entlastend!
OH: Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Hamburg mit Schwerpunkt Lehre in der Behindertenpädagogik. Ein großes Thema in Schulen und in unserer Qualifizierung ist ja auch Inklusion. Wie wird das in Ihrer Weiterbildung aufgenommen?
AF: Bei InLiQua-Teilnehmenden fällt mir folgendes auf: Sobald es um Inklusion geht, ist spätestens bei dem Schlagwort Behinderung die Überforderung wieder schlagartig zurück. Hier erlebe ich so einen prinzipiellen Widerstand, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer überhaupt nicht erkennen, dass sie das können und überhaupt nicht im Nachteil gegenüber den deutschen Kolleginnen und Kollegen sind. Da sitzen doch alle im selben Boot. Dieser Widerstand rührt meiner Meinung nicht von einem negativen, exkludierenden Menschenbild oder Inkompetenz, sondern schlicht von mangelnden Erfahrungen mit Menschen mit Behinderung und daraus resultierenden Ängsten vor dem „Label“. Inklusion verlangt allen Lehrkräften – unabhängig vom Lehramt und von der Herkunft, Innovation und Kreativität ab. Gerade dort, wo wir keine einfachen Antworten haben, braucht es neue Ideen – und dafür sind internationale Perspektiven unheimlich wertvoll.
OH: Es klingt nach einem großen Potenzial.
AF: Absolut! Solch unsicherer Boden ist natürlich nichts, was die Teilnehmenden aktuell gut finden, aber meiner Meinung nach ist es eine tolle Möglichkeit für eine Begegnung und Zusammenarbeit auf Augenhöhe – es ist die Möglichkeit Unterricht neu zu definieren und das System mitzugestalten.
Bei einem Besuch von zwei ehemaligen Teilnehmerinnen im jetzt laufenden Kurs InLiQua 4 lag den neuen Teilnehmenden mit ihren Fragen besonders ein Thema sehr am Herzen: „Wie verlief euer Praxiseinsatz und welche Tipps und Ratschläge könnt ihr uns geben?“ Neben vielen anderen wertvollen Hinweisen empfahlen die beiden Ehemaligen besonders das tägliche Notieren der Beobachtungen sowie das Spielen unserer Szenarien im Unterricht, „weil man diese Situationen in der Schule dann wirklich erlebt“. Herzlichen Dank nochmals an dieser Stelle an die Besucherinnen aus InLiQua 3!
Für die Beobachtungen während der Praxiseinsätze bekamen unsere Teilnehmenden spezielle Beobachtungsaufgaben, die dann in den Evaluationsphasen ausgewertet wurden. Die im Verlauf der vergangenen InLiQua-Kurse genutzten Materialien haben wir nun aufbereitet und stellen sie unseren neuen Teilnehmenden in einem kompakten Beobachtungsheft zur Verfügung. Für die Erarbeitung der Struktur konnten wir auf unsere bisherigen Erfahrungen zu den Evaluationseinheiten zurückgreifen.
Insgesamt haben die Beobachtungen des Schulalltags ein breites Spektrum abgedeckt, wie sich an weiteren Kommentaren ablesen lässt:
„Nicht etwas war besonders, sondern alles! Dass die Polizei mal vor der Tür steht ist normal … sie begrüßen die Kinder. […] (Iryna)
„Ich habe gesehen, wie wichtig eine klare Unterrichtsstruktur und interaktive Methoden sind.“ (Tayfun)
„Ich hatte Glück mit den Mittwochen – da gab es besondere Trainings, z.B. Fahrrad fahren mit der Polizei.“ (Masha)
Und nicht nur Beobachtungen spielten eine Rolle, sondern auch Gefühle, die sich durch Beziehungsaufbau und gemeinsames Zeitverbringen entwickelt haben:
„Am Ende des Praktikums wurden wir alle ein bisschen emotional …“ (Yagmur)
Dabei spielt auch besonders die Wertschätzung, die die Schulen unseren Teilnehmenden entgegenbringen, eine zentrale Rolle. Dies haben wir bei unseren Praxisbesuchen immer wieder
feststellen können und bedanken uns dafür sehr herzlich bei unseren Kooperationspartnern. Es war zudem sehr ergiebig für den Erfahrungsaustausch im Kurs, dass die Teilnehmenden an
verschieden Schulen verstreut über ganz Hamburg eingesetzt waren und sich dadurch ein komplementäres Bild der Schullandschaft erkennen ließ:
„Ich dachte, dass nur meine Schule besonders war, aber jetzt nach den Berichten sind alle Schulen besonders.! (Tayfun)
„Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ein Erfolg.“ (Henry Ford)
Mit diesem Gedanken möchten wir allen danken, die das InLiQua-Projekt zu dem machen, was es ist. Es ist eine große Bereicherung, Menschen auf ihrem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt begleiten zu dürfen. Uns ist bewusst, wie viel Mut, Energie und Durchhaltevermögen es erfordert, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Deshalb gilt unser besonderer Dank unseren engagierten InLiQuas, die mit viel Einsatz – sowohl vor Ort als auch digital – an der Qualifizierung teilgenommen haben.
Ein herzliches Dankeschön geht auch an unser wunderbares Lehrerinnen-Team sowie an die externen Referent:innen, die mit ihrer Expertise aus Bereichen wie Pädagogik, Recht und Psychologie unsere Module bereichert und lebendig gestaltet haben.
Die wertvollsten Momente waren für uns die Begegnungen mit den Kindern in den Schulen und Ganztagseinrichtungen sowie mit deren Betreuer:innen und Lehrkräften. Wir danken den Schulen, die unsere InLiQuas herzlich aufgenommen, sie begleitet und ihnen durch praktische Hinweise wertvolle Einblicke in den Berufsalltag gegeben haben. Besonders schätzen wir das Vertrauen, das sie unseren Teilnehmenden entgegengebracht haben, indem sie ihnen Raum für eigene Unterrichtsideen ermöglichten. Den Kindern danken wir für ihre Geduld, Offenheit und das gemeinsame Lachen.
Nicht zuletzt möchten wir unseren Förderern und Unterstützern auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene unseren tiefen Dank aussprechen. Ihr Glaube an die Projektidee und Ihre Unterstützung haben es ermöglicht, dass InLiQua als Modell für gelungene Integration und Unterstützung in Schulen und Ganztagseinrichtungen dienen kann.
„Alleine ist man einzigartig, gemeinsam ist man stark.“ in diesem Sinne - allen Beteiligten einen herzlichen Dank!
Derzeit läuft die Qualifizierung InLiQua IV und die Bewerbungsphase für den Durchgang ab Sommer 2025 ist nahezu abgeschlossen. Die aktuelle Förderphase endet im Dezember 2025 doch wir hoffen, dieses und ähnliche Projekte auch ab 2026 weiterführen zu können. Interesse? Dann tragen Sie sich doch gerne auf unserer Interessentenliste ein:
Das Projekt "InLiQua" wird im Rahmen des Förderprogramms IQ - Integration durch Qualifizierung durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert und vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge administriert. Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Bundesagentur für Arbeit. Weitere Fördererin ist die Freie und Hansestadt Hamburg.
Alle Angebote im Regionalen Integrations-netzwerk Hamburg unter
www.hamburg.netzwerk-iq.de
Kursaufbau
Sprachliche Qualifizierung:
bei fehlendem B2-Niveau 400 UE Berufssprachkurs mit Ziel B2 (30 UE/Woche)
Fachliche Qualifizierung:
- Fachunterricht in den Bereichen Schule und Ganztagsbetreuung
- Praxiseinsätze im pädagogischen Bereich
Dauer der gesamten Maßnahme:
vorgeschalteter Berufssprachkurs B2: 4 Monate
fachliche Qualifizierung: 6 Monate
Weitere Informationen zur beruflichen Anerkennung unter:
Kontakt & Anmeldung
PASSAGE gGmbH
Nagelsweg 14
20097 Hamburg
Dr. Olga Haber | Tel.: 040/ 87 09 09 19
E-Mail: olga.haber(at)passage-hamburg.de
Silvia Brassel | Tel.: 040/ 636 75 382
E-Mail: silvia.brassel@passage-hamburg.de
Für die Anmeldung benötigen wir folgende Unterlagen:
>> Hier nochmals alle Infos als pdf-Flyer
Text, Recherche und Fotos: Silvia Brassel | Dr. Olga Haber | Monika Siegert
Umsetzung: Dr. Sarita Batra