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BSK macht Schule

Ein Schlaglicht auf die aktuelle Praxis von Sprachkursen in der Berufsschule – Erfahrungen eines Hamburger Trägers

Auch nach dem erfolgreichen Abschluss von allgemeinsprachlichen Sprachkursen und dem Einstieg in eine Ausbildung zeigt sich, dass Auszubildende mit Zweitsprache Deutsch häufig weitere Unterstützung brauchen, um dem Berufsschulunterricht zu folgen und die theoretischen Prüfungen zu bestehen. In Zusammenarbeit mit der Beruflichen Schule Bautechnik hat die Interkulturelle Bildung Hamburg e.V. (IBH) im Sommer 2021 zwei Berufssprachkurse Spezialmodul Gewerbe/Technik in Hamburg abgeschlossen. Wie wichtig bei begleitenden Sprachkursangeboten für Auszubildende die Kooperation zwischen Sprachkursanbietern und Berufsschulen ist, um fachliches Lernen ziel- und bedarfsgerecht zu unterstützen, darüber haben wir mit den Projektentwickler*innen Nora Budde und Daniela Pägelow vom IBH in Hamburg gesprochen:


Wie sind Sie die Zusammenarbeit mit der Berufsschule angegangen; was lief dabei gut; welche Hürden gab es und was würden Sie beim nächsten Kurs anders machen?



Auf einer Fortbildung beim IBH zum Thema Sprachsensibler Fachunterricht, wurde eine Lehrkraft der Beruflichen Schule Bautechnik in Bergedorf auf die Möglichkeit von praxisbezogenen Berufssprachkursen aufmerksam. Eine IBH-Projektleiterin führte daraufhin etliche Gespräche mit der Schulleiterin und den beteiligten Lehrkräften, die verschiedene Ausbildungsberufe im Bereich Bautechnik betreuen. Zum einen mussten die Rahmenbedingungen des BAMF zur Durchführung von Azubikursen geklärt werden - z.B. Anwesenheitspflicht, Umgang mit Fehlzeiten - und zum anderen musste ein Zeitfenster festgelegt werden, in dem der Gewerbe-Technik-Kurs stattfinden konnte. Darüber hinaus stand die Klärung wichtiger inhaltlicher Fragen im Vordergrund: Die Azubis erhielten ja bereits Fachunterricht und eine Sprachförderung im ersten Ausbildungsjahr an der Beruflichen Schule. Wir haben uns gefragt wie dieses bereits bestehende Angebot noch verbessert und sinnvoll ergänzt werden könnte? Schnell wurde klar, dass es an einer systematischen Vermittlung fachsprachlicher Inhalte über den gesamten Ausbildungszeitraum fehlte.

Nach dieser gemeinsamen organisatorischen und inhaltlichen Planungssphase begann die Phase der praktischen Umsetzung. Das heißt, zunächst haben die Lehrkräfte der Berufsschule interessierte Azubis in den Lehrgängen angesprochen und sie für diesen neuen Sprachkurs gewonnen. Dies war nicht so einfach, denn viele Azubis dachten, dass der Fachunterricht das Wichtigste sei. Sie unterschätzten gerade am Anfang die sprachlichen Hürden, die die Prüfungsanforderungen auch im Bereich Handwerk mit sich bringen.

Es konnten 28 Auszubildende für das neue Projekt gewonnen werden. Der IBH konzipierte einen eigenen Einstufungstest und führte vor Ort diese Einstufung an mehreren Tagen durch. Das sprachliche Niveau lag auf B1 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen, wobei die Kompetenzen in den unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich ausgeprägt waren. Besonders im Bereich schriftlicher Ausdruck lagen die Fertigkeiten einiger Azubis unter dem B1-Niveau. Die Antragstellung auf eine Berechtigung für einen Berufssprachkurs beim BAMF übernahm der IBH. Aufgrund der engen Zusammenarbeit mit dem BAMF konnte ein schneller Kursstart erfolgen.

Nun begann die nächste Herausforderung: Wie konnten wir eine sinnvolle Aufteilung in zwei Gruppen hinbekommen? Die Berufsschule schlug eine Aufteilung der Teilnehmenden nach Gewerken vor. So bildeten wir zwei Berufssprachkurse: In Gruppe A waren die Gewerke Betonbau, Rohrleitungsbau, Kanalbau und Straßenbau vertreten. In Gruppe B nahmen Auszubildende aus zwei Maurer-Klassen und einer Zimmerer-Klasse der Berufsschule teil. Der Unterricht fand blockweise an unterschiedlichen Standorten statt. Während des Berufsschulblocks besuchten die Teilnehmenden den Berufssprachkurs in den Unterrichtsräumen der Berufsschule. Hier wurden 4 Unterrichtseinheiten wöchentlich in enger Absprache mit den Lehrkräften der Berufsschule angeboten. Im Ausbildungszentrum Bau in Steilshoop fand die Praxisphase für die Azubis statt. Um auch in dieser Zeit den Berufssprachkurs stattfinden lassen zu können, mussten wir mit dem Leiter des Ausbildungszentrums ein Zeitfenster und einen Raum für den Unterricht finden. Nachdem wir dies geschafft hatten, mussten wir noch die jeweiligen Ausbildungsleiter der verschiedenen Gewerke über unsere Unterrichtszeiten informieren und sie bitten, unsere Azubis daran zu erinnern. Das hat dann meistens sehr gut funktioniert! In der betrieblichen Phase fand dann der Unterricht einmal im Monat am Samstag mit 6 Unterrichtseinheiten beim IBH in Hamburg -Eilbek statt. Das Pendeln zwischen drei Standorten und unterschiedlichen Zeitfenstern verlangte sowohl den Teilnehmenden als auch den Lehrkräften und der Koordination sehr viel Flexibilität ab.


Wie haben Sie die sprachlichen Lernbedarfe der Auszubildenden ermittelt und welche Unterstützung brauchten die Lernenden ganz besonders?

 

An der Berufsschule existierte bereits ein Sprachförderprogramm für zugewanderte Azubis, das aber auf das erste Ausbildungsjahr beschränkt war. Dieses Angebot war entstanden, weil erfahrungsgemäß viele Auszubildende aufgrund noch nicht ausreichender Sprachkenntnisse die Ausbildung abbrechen oder die Zwischen- oder Abschlussprüfung nicht bestehen. Die Idee der Zusammenarbeit zwischen uns als Sprachkursanbieter und der Berufsschule war die Weiterführung der Sprachförderung im 2. und 3. Lehrjahr. So konnte eine sprachsensible Aufarbeitung der Fachinhalte über den gesamten Zeitraum der Ausbildung sichergestellt werden.


Die Heterogenität der Berufsfelder in den Kursen stellte eine besondere Herausforderung an die Dozent*innen dar. In Zusammenarbeit mit der IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch und der Beruflichen Schule Bautechnik konnten fachbezogene Materialien in der Sprachförderung genutzt werden. Diese wurden von den Dozent*innen der Berufssprachkurse entsprechend didaktisiert und sprachsensibel aufbereitet. Zu Kursbeginn überforderte die Heterogenität einige Teilnehmende, da sich ihre fachsprachlichen Inhalte zunächst stark von den Inhalten der anderen Gewerke zu unterscheiden schienen. Mit der Zeit wurden jedoch Gemeinsamkeiten festgestellt, sodass sich die Teilnehmenden auch untereinander fachlich unterstützen konnten. Das erste Ziel der Auszubildenden war das Bestehen der Zwischenprüfung. Ein relevanter Teil dieser Prüfung ist das Fach Politik. Dieser stellte für die Auszubildenden eine große Herausforderung dar. Unterrichtsmaterial aus den Orientierungskursen verhalf den Teilnehmenden zu mehr Sicherheit für diesen Teil der Prüfung.

Die größte Herausforderung während der Unterrichtszeit bestand jedoch darin, die Teilnehmenden dauerhaft für die Sprachförderung zu motivieren. Insbesondere Aussagen aus den Betrieben, dass die Teilnehmenden auf den Baustellen keine sehr guten Deutschkenntnisse benötigen, wirkte demotivierend auf die Auszubildenden. Dank der praxisnahen Unterrichtsmaterialien und dem engagierten und motivierten Auftreten der Dozent*innen gelang es uns aber, die Teilnehmenden nachhaltig vom Nutzen des Kurses zu überzeugen.

Aufgrund der Corona-Pandemie und dem ersten Lockdown ab März 2020 fand die Zwischenprüfung nicht statt. Die Sprachförderung in ihrer vorherigen Form pausierte zunächst. Wir blieben digital in dauerhaftem Kontakt mit den Teilnehmenden. Zu Beginn des dritten Lehrjahres wurde die Sprachförderung im Präsenzunterricht wieder aufgenommen. Dank der Flexibilität des BAMF konnte auch dieser Berufssprachkurs im zweiten Lockdown in das virtuelle Klassenzimmer wechseln. Auch die Samstagstermine wurden in digitaler Form wieder aufgenommen. Nach dem Lockdown fand der Berufssprachkurs bis zum Ende des dritten Lehrjahres wieder in Präsenz statt. Aufgrund der langen Corona-Pause und des zeitlich festen Rahmens mussten die Kurslaufzeiten verkürzt werden. Auch hier konnte der IBH sich auf die gute Zusammenarbeit mit dem BAMF verlassen.


Wie schätzen Sie solch ein Sprachkursformat in Kombination mit der Berufsausbildung ein? Was wäre aus Ihrer Sicht die ideale Form der Förderung für Auszubildende?

 

Die Sprachförderung darf nicht als zusätzlicher Aspekt zur Ausbildung gesehen werden. Sie muss ein fester Bestandteil der gesamten Ausbildung von Migrant*innen sein.

Eine abschließende Evaluation unserer Kurse ergab, dass die Sprachförderung den Teilnehmenden geholfen hat, dem Unterricht an der Berufsschule besser folgen zu können. Nach ihrem eigenen Fortschritt befragt, antworteten sie, dass die Sprachförderung dazu beigetragen hat, die Kenntnisse in allen vier Fertigkeiten (Hören, Lesen, Schreiben, Sprechen) deutlich zu verbessern.  Von den Teilnehmenden haben 25 Auszubildende ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Herzlichen Dank an Nora Budde und Daniela Pägelow vom IBH für diesen differenzierten Einblick in die Erfahrungen aus der Umsetzung eines BSK Spezialmoduls Gewerbe/Technik in einer Berufsschule.

Das Interview für die Fachstelle führte Jana Laxczkowiak.