3 Fragen zu "Inklusion" versus "Integration": ein Interview

Vielfach wird heute der Begiff der „Integration“ durch den der „Inklusion“ ausgetauscht. Wir wollten dazu gerne eine Stimme aus der Praxis hören. Regina Bakar von KAROLA Internationaler Treffpunkt für Frauen und Mädchen e.V. hat zu unseren Fragen Stellung genommen.

1.    Welche Bedeutung haben die Konzepte „Integration“ und „Inklusion“ aus der Perspektive Ihrer täglichen Arbeit mit und für Roma-Familien?

Zunächst bin ich geneigt zu sagen, theoretische Konzepte haben aus Perspektive der täglichen Arbeit, wo es um die Begegnung und die Auseinandersetzung mit Menschen geht, wenig Bedeutung. Aber das stimmt so natürlich nicht. Unsere Angebote für Roma-Frauen zielen allesamt darauf ab, sie auf ihrem Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe zu unterstützen. Unsere tägliche Arbeit ist also die Umsetzung der Theorie in die Praxis.  

2.    Welchen Begriff und welches Konzept würden Sie selbst vorziehen und als hilfreich und unterstützend für Ihre Arbeit sehen?

Meiner Meinung nach gibt es ja noch gar kein „Inklusionskonzept“. Es handelt sich hier doch eher um die Formulierung einer anzustrebenden Haltung, nämlich „die anderen“ als selbstverständlich dazugehörig wahrzunehmen. Und diese Haltung nehmen wir von jeher ein.

Der Begriff Integration hat im Laufe der Zeit leider eine sehr negative Konnotation erhalten, weil mit unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird. Bei englischsprachigen Mitbürgern der gehobenen Einkommensklasse kommt man gar nicht auf die Idee von Integrationshemmnissen zu sprechen. Integrieren sollen sich immer nur die Menschen aus ärmeren, meist arbeitslosen Milieus, Integration wird heute meist reduziert auf das Vermögen, selbstständig seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die neu angefachte Diskussion darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es soziale Probleme in Deutschland gibt und Unterstützungsangebote für diejenigen bereit gestellt werden müssen, die davon betroffen sind. Ich mache mir Sorgen, dass durch die Einführung des Begriffs „Inklusion“ tatsächlich vorhandene spezifische Bedürfnisse von bestimmten Zielgruppen nicht mehr berücksichtigt werden. 

Unsere Arbeit stützt sich ganz klar auf das Integrationskonzept, aber so wie es ursprünglich gemeint war. Das heißt, auch wenn wir unseren Teilnehmerinnen z.B. Grundbildungskurse anbieten, da sie an ihren Schwächen im Lesen und Schreiben arbeiten möchten, so behandeln wir die Frauen ja deshalb nicht als „defizitäre Wesen“. Im Gegenteil, Interkulturelle Kommunikation und Interkulturelles Lernen, Empowerment und ressourcenorientiertes Arbeiten spielen bei uns von jeher eine wichtige Rolle. 

 3.    Auf europäischer Ebene wurde die Decade of Roma Inclusion 2005–2015 www.romadecade.org ausgerufen.  Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit man am Ende von einer Inklusion der Roma in Europa tatsächlich sprechen kann?

Es ist sehr schwierig die Frage im Hinblick auf eine Inklusion der Roma in ganz Europa zu beantworten, denn die Problemlagen und Konfliktfelder unterscheiden sich in den jeweiligen Nationalstaaten doch sehr.  Die von Ihnen angesprochene „Roma-Dekade“ wurde durch die Weltbank und das Open Society Institute ausgerufen. Hier werden Fördergelder zur Verbesserung der Situation für Roma in südosteuropäischen Staaten bereitgestellt. Trotzdem hat sich bislang nicht viel zum besseren gewandt, so scheint es. 

Das, was eine Integration der Roma in die jeweiligen Mehrheitsgesellschafen so schwierig macht, ist der sich immer wieder schließende Teufelskreis aus Armut, unzureichender Bildung, Arbeitslosigkeit, Diskriminierung und Selbstausgrenzung. Nun wird darüber gestritten, an welcher Stelle der Teufelskreis am besten aufgebrochen werden sollte. Die einen sagen, vorweg müsse die Armut bekämpft werden, die anderen sagen, die Diskriminierung sei schuld an allem Übel.

Ich denke, um Roma in die Mitte der Gesellschaft zu holen, ist es wichtig an allen Punkten gleichzeitig anzusetzen und dabei nicht zu übersehen, dass Roma über Jahrhunderte an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Diese Ausgrenzungserfahrung kann nun nicht in einer Generation, geschweige denn in einer Dekade, aufgearbeitet werden. An dieser Stelle wird deutlich, dass sich  „Inklusion“ nicht einfach von oben diktieren lässt, sondern für Menschen erfahrbar gemacht werden muss. Wenn Roma das Gefühl bekommen, dass sie genauso zur Gesellschaft gehören wie alle anderen,  dass ihre Kinder die gleichen Chancen haben und wenn sie offen zu ihrer Identität stehen können, dann kann man von einem Ankommen in der Mitte der Gesellschaft, also von einer „Inklusion“ sprechen.

Vielen Dank für Ihre Stellungnahme!

 

Das Interview führte Andrea Snippe.