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Meine kulinarische Vita: Wie ich wurde was ich bin, kulinarisch gesehen

Im Kontext meines Berufslebens betrachte ich meine Arbeit mit Food Literacy als einen bescheidenen Fall historischer Nemesis[1]. Ich bin in einer Großfamilie in Norditalien aufgewachsen, in der jeden Tag mindestens 13 Personen unterschiedlichen Alters bekocht wurden. In der Küche regierte die älteste Tante, zia Dina, eine begnadete Köchin. Von ihrer Schwägerin, einer Ganztagshilfe und anfangs von ihrer Schwiegermutter – meiner Oma –unterstützt, brachte dieses familäre Frauenkollektiv jeden Tag zwei hervorragende warme Mahlzeiten nach traditioneller emilianischer Küche auf den Tisch - darunter selbst gemachte Nudeln. Diese waren die Spezialität meiner jüngeren Tante, zia Luisa, die es schaffte, 10 Eier auf einmal zu einer Sfoglia (Nudelteig) zu verarbeiten und zu der Größe eines Lakens auszurollen. 

 

Es war selbstverständlich, dass auch die Kinder mithelfen. Ich hatte einen Schemel für mich, um überhaupt an Tisch und Spüle ranzukommen! Später in der Schule bin ich noch in den Genuss des Hauswirtschaftsunterrichts gekommen, der sich u. a. mit der Vorbereitung und Aufbewahrung von Lebensmitteln durch neumodische Geräte wie Mixer und elektrischen Kühlschrank befasste. Auch meine Kameradinnen auf dem Gymnasium und an der Universität haben - mal mehr mal weniger - im Haushalt geholfen und gekocht. 

 

Wir waren aber gleichzeitig kulturell und politisch engagiert: Wie schnell sind wir nach einer Sonntagsmatinee mit Eisensteins Filmen nach Hause geeilt und haben den Vergleich zwischen Opricniki[2] und KGB auf den Montag vertagt, um pünktlich das Sonntagsmittagessen mit der ganzen Famile einzunehmen. Die Ereignisse des Mai ’68 (Studentenproteste in Frankreich) habe ich mit meinen französischen Kolleginnen – wir unterrichteten unsere Muttersprache an britischen Schulen – beim gemeinsamen Kochen und Essen kontrovers diskutiert. Bei einer historischen Demonstration gegen den Vietnam Krieg im Hyde Park wiederum war ich um meine Einkäufe, Parmesan und Espressokaffee, die ich damals nur in einem italienischen Laden in Soho fand, sehr besorgt: dass sie nur nicht beim Wegrennen vor der berittenen Polizei Schaden nehmen würden. Die kosteten ein kleines Vermögen!?! 

 

In der kulinarischen Wüste des Vereinigten Königreichs Ende der 60-er erfuhren meine ersten selbständigen Kochversuche großen Anklang. Schon damals, wie auch später im Deutschland der 70er Jahre, fand ein gewisser Ethnisierungsprozess statt: In beiden Ländern – zumindest in bestimmten Milieus – war Italien hoch im Kurs, politisch und kulinarisch. Es wurde von mir erwartet, dass ich koche - wohlbemerkt italienisch. Da ich es sowieso für mich und später für meine Familie machte, habe ich mich “selbstethnisiert”!

 

Ich fing an, von einem kleinen Restaurant in einem Fachwerkhäuschen zu träumen: die Gerichte mal einfach, mal raffiniert oder am Meer mit einer Auswahl an deutschen Kuchen!

Ich war selbstverständlich die Heldin am Herd! Leider fehlt zu meinem mittlerweiler routinierten handwerklichen Können ein differenzierter Geschmack- und Riechsinn. Und das ist für eine richtige Köchin unerlässlich!

 

Meine ganz persönliche historische Nemesis trat in mein Leben in Gestalt des aid infodienst[3]: Die Geschäftsführerin Frau Dr. Büning-Fesel suchte die Unterstützung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE), um die Ergebnisse des Grundtvig-Projekts Food Literacy (2005-2007), an dem sie maßgeblich mitgewirkt hatte, in die deutsche Erwachsenenbildung zu bringen. Ich war damals wissenschaftliche Mitarbeiterin im DIE Programm “Inklusion in die Erwachensenbildung” und wurde von dem “inkludierenden” Potenzial von Food Literacy sofort überzeugt. Die Möglichkeit, mich auch beruflich mit dem Thema Essen zu beschäftigen, betrachte ich wie eine Fügung des Schicksals. Die Vermittlungsarbeit in Workshops, die Veranstaltung mit Frau Dr. Maike Groeneveld und die Entwicklung weiterer Materialien – inbesondere im Feld Literatur und Kino – bieten mir die Möglichkeit, eine meiner Leidenschaften auszuleben und trösten mich über meine vepasste Karriere als Köchin hinweg.

Matilde Grünhage-Monetti

 

 


[1] In der griechischen Mythologie ist Nemesis die Göttin des „gerechten Zorns“, die mit gleichem und gerechterem Maßstab die zeitlichen Güter verteilt und für die Herstellung eines gerechten Gleichgewichts im Lebensverlauf der einzelnen Menschen und der Menschheit zuständig war. 

In diesem Sinne spricht man von historischer Nemesis, wenn eine Serie von negativen historischen Ereignissen eine Wende nimmt, die unerwartete kompensatorische Ergebnisse hervorbringt.

[2] Opricniki war die private Armee von Iwan IV, die er gründete und einsetze, um die Macht der Bojaren zu brechen. Sie war der Vorgänger der zaristischen Polizei des XIX Jahrhunderts, des KGB und im Allgemeinen aller Geheimpolizeien. Die Opricniki wurde von Eisenstein in seinem Film „Iwan der Schreckliche“ sehr positiv?? porträitiert (übersetzt aus http://it.wikipedia.org/w/index.php?title=Opri%C4%8Dniki&oldid=38199263).

 

[3] aid infodienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz e.V., ist ein gemeinnütziger, mit öffentlichen Mitteln geförderter Verein, der Informationen aus Wissenschaft und Praxis verständlich aufbereitet und die Bevölkerung über Themen im Bereich Ernährung, Landwirtschaft und Forsten umfassend  informiert (http://www.aid.de/allg/aid_im_profil.php)