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Sprachmittler

Varinia Morales:

Varinia Fernanda Morales gebürtige Chilenin, studierte Politologie, Geschichte, Romanistik an der Universität Bonn. Koordinatorin von internationalen Messen, Simultandolmetscherin zu handelspolitischen Themen bei der chilenischen Botschaft. Arbeitete u.a. beim Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, bei den Vereinten Nationen und beim Verband Entwicklungspolitik deutscher Nicht-Regierungs-Organisationen (VENRO e.V.) tätig. Leitung des EQUAL-Projektes SpraKuM (Sprach- und Kulturmittlung). Transnationale Koordination der Entwicklungspartnerschaft TransSpuK (Transfer von Sprache und Kultur). Initiatorin der bundesweiten Initiative zur Etablierung des neuen Berufsbildes Sprach- und Integrationsmittler. Gründerin der Internationalen Gesellschaft für Bildung, Kultur und Partizipation gemeinnützige GmbH (bikup). Geschäftsführende Gesellschafterin von bikup. 

Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz: Sprach- und Integrationsmittler bauen Brücken der Verständigung

Dass Menschen mit Migrationserfahrung zunächst wenig Deutsch sprechen und verstehen, verstellt oft den Blick auf die vielfältigen Kompetenzen, die jede und jeder einzelne mitbringt. U.a. sind Migrant_innen zwei- oder gar mehrsprachig, können sich durch ihre eigene Lebenserfahrung in die Lebenswelt von Migrant_innen eindenken und bringen viel Navigationskompetenz in unterschiedlichen kulturellen Welten mit. Die Qualifizierung zum Sprach- und Integrationsmittler baut auf diesen Kompetenzen auf und eröffnet damit Berufsperspektiven und Zugänge zum Arbeitsmarkt. Varinia MoralesGeschäftsführerin vom Kölner Bildungsträger bikup (Internationale Gesellschaft für Bildung, Kultur und Partizipation) beantwortete im folgenden Interview unsere Fragen zum Fortbildungsgang “Sprach- und Integrationsmittler”, der Anfang Mai 2013 zum mittlerweile achten Mal gestartet ist.

Was genau machen Sprach- und Integrationsmittler und welche Kompetenzen brauchen sie?


Sprach- und Integrationsmittler dolmetschen professionell, analysieren aber auch gleichzeitig die Situation und können Missverständnisse kultursensibel klären. Sprach- und Integrationsmittler sind Brückenbauer der Verständigung. Sie dolmetschen nicht Wort für Wort, sondern übertragen den Inhalt und den Sinn des Gesagten. Dabei vermitteln sie einerseits kultursensibel Fachwissen des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystems, andererseits die Gewohnheiten und Denkweisen beider Kulturen. So können Missverständnisse auf Seiten der Fachkräfte wie auch auf Seiten der Migranten und Flüchtlinge vermieden werden. Kultursensibles Dolmetschen und Vermitteln ermöglicht in vielen Fällen erstmals die Verständigung und somit eine gute und angemessene Betreuung, Behandlung und Beratung dieser Zielgruppe. 

 

Bei der anfänglichen Konzeption der Fortbildung im Jahr 2002 stand unter anderem eine Frage im Mittelpunkt: Was ist das Alleinstellungsmerkmal bezüglich der Kompetenzen, über die Menschen mit Migrationserfahrung verfügen? Hintergrund dieser Überlegungen war nicht zuletzt die Intention, Flüchtlingen und Migranten eine dauerhafte Berufsperspektive in der Weise zu schaffen, dass sie nicht in Konkurrenz mit den deutschen bzw. europäischen Arbeitnehmern stehen und somit u.a. die Vorrangprüfung entfällt. 

 

Zu den Kompetenzen, die Menschen mit Migrationserfahrung auszeichnen, gehört Mehrsprachigkeit sicherlich dazu, doch sind heutzutage in der globalisierten Arbeitswelt auch andere Personen nicht selten polyglotte Kosmopoliten. Was aber untrennbar mit einer Person verbunden ist, ist die eigene Lebenserfahrung und tiefe Kenntnisse über die jeweilige Kultur, die Menschen mit Migrationserfahrung in ihrem biografischen Rucksack mitbringen. An dieser tief wurzelnden Kompetenz setzt das Berufsbild “Sprach- und Integrationsmittler” an. Gute Sprach- und Zweitsprachkenntnisse, so wichtig und relevant sie natürlich sind, sind gegenüber dieser einen entscheidenden Schlüsselkompetenz in Relation nachgeordnet und können durch Training und Fortbildung erworben und weiterentwickelt werden.

 

Wer interessiert sich für die einjährige Fortbildung zum Sprach- und Integrationsmittler?


Es gibt ein großes Interesse an der Fortbildung und das sozusagen querbeet: vielfältige Altersstufen, Menschen mit Migrationshintergrund aber auch manche Deutsche mit langjähriger Auslandserfahrung. Bei entsprechender mehrsprachiger Kompetenz ist das möglich. Es bewerben sich viele Akademiker, aber auch Menschen mit Lebenserfahrung, die ihre Kompetenzen eher in informellen als in formalen Kontexten erworben haben. Wir gestalten zudem bewusst die Unterrichtsgruppen so heterogen wie möglich, weil das den gegenseitigen Lernprozess und das sich Öffnen gegenüber Andersartigkeit fördert. Es nehmen Personen mit ausgezeichneten Deutschkenntnissen an der Fortbildung teil, aber in manchen Situationen auch Personen, deren Deutschkenntnisse noch auszubauen sind: So wurde bspw. eine Dame aus Syrien im neuen Lehrgang bei bikup aufgenommen, die hochmotiviert ist und einen intelektuellen Background mitbringt. Sie konnte in kürzester Zeit ihre Sprachkenntnisse erheblich verbessern. Für sie war es die beste Form, sich mit der deutschen Sprache auseinanderzusetzen, da sie das Gelernte unmittelbar für die Fortbildung und die künftige Tätigkeit anwenden konnte.

Wo und wie werden Sprach- und Integrationsmittler eingesetzt?


Sie können in allen Einrichtungen der Regeldienste und öffentlichen Verwaltung zum Einsatz kommen, die versorgend, beratend oder präventiv tätig sind. Wo Migranten und Flüchtlinge Versorgungsangebote in Anspruch nehmen oder eine pädagogische Begleitung vorgesehen ist, werden sie aktiv. In allen Situationen, in denen Bedarf zur Vermeidung oder Überwindung von Kommunikationsbarrieren bzw. zur Unterstützung von Fachkräften besteht, können Sprach- und Integrationsmittler wertvolle Dienste leisten. Das Spektrum der Institutionen reicht also von Kommunalen, Landes- und Bundesbehörden, wie z.B. Jugendamt, Gesundheitsamt, Sozialamt, Ordnungsamt, Standesamt, Agentur für Arbeit, Polizei, Justizvollzugsanstalt, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über Krankenhäuser und Arztpraxen sowie dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, wie Altenpflege, Krankenpflege, Behindertenhilfe bis hin zu psychosozialen und psychiatrischen Einrichtungen, aber auch Beratungsstellen, wie beispielsweise Schuldnerberatung und gemeinnützige Einrichtungen, zum Beispiel der Kinderschutzbund. Es sind oft sehr entscheidende Situationen und sich existentiell auswirkende Kontexte, in denen Sprach- und Integrationsmittler dolmetschen und Missverständnisse kultursensibel klären helfen, wie zum bspw. in der Bewährungshilfe, bei Erziehungsfragen oder bei Krankheit und Therapie.

 

Gibt es einen Bedarf an kultursensibler Sprachmittlung? 


Den gibt es tatsächlich. Seit den 90er Jahren gibt es unterschiedliche Initiativen, die auf diesen Bedarf reagieren. Heutzutage hat sich die Sprach- und Kulturmittlung dahingehend professionalisiert, dass wir von einem neuen bundesweit einheitlichen Berufsbild des Sprach- und Integrationsmittlers in Deutschland sprechen. Mittlerweile besteht eine Nachfrage nach kultursensibler Sprachmittlung nicht nur aus ethisch-gesellschaftlichen Gründern, sondern auch aus rein wirtschaftlichen Gründen. Am Beispiel der Gesundheitsbranche wird das besonders deutlich: Der Patientenschutz gebietet, dass Missverständnisse zwischen behandelndem Personal und Patienten zu vermeiden sind. Anderenfalls könnten evtl. unwägbare Folgekosten für das Gesundheitssystem entstehen. 


Unter den unterschiedlichen Strategien, mit Mehrsprachigkeit bspw. im Krankenhaus umzugehen, wie interkulturelle Schulung der Fachkräfte, das Führen interner Dolmetscherlisten, wobei damit Personal von der Putzkraft bis zum Arzt einbezogen wird, bis hin zum Rückgriff auf einen professionellen Sprachmittlerpool, wird zum Beispiel in der Schweiz ausdrücklich empfohlen, bei Kommunikationsschwierigkeiten ausschließlich professionelle “interkulturelle Übersetzer” (gleichzustellen zu unseren Sprach- und Integrationsmittlern) hinzuziehen. Der große Unterschied liegt in der Qualität: Das Setting, die Schweigepflicht, Neutralität, Transparenz und ein geschulter Umgang mit kultursensiblen Themen gehören beim Einsatz von professionellen Sprach- und Integrationsmittlern zum Qualitätsstandard.

 

Wie ist die Fortbildung zum Sprach- und Integrationsmittler aufgebaut? 


Die einjährige Vollzeitfortbildung beinhaltet einen 9-monatigen theoretischen und einen 3-monatigen Praxisteil. Es werden sowohl fachliche als auch kommunikative, soziale und interkulturelle Kompetenzen vermittelt. Die Fortzubildenden lernen, die Strukturen und den Aufbau im Gesundheits, Bildungs- und Sozialsystem in Deutschland kennen. Sie erhalten Einblicke in die Kinder- und Jugendhilfe, in das Bildungs- und Erziehungswesen, in die unterschiedlichsten Arbeitsfeldern, wie z.B. die Ambulanten Soziale Dienste. Sie lernen rechtliche Grundlagen im Asyl- und Sozialrecht und beschäftigen sich auch mit Migrationssoziologie - um einige inhaltliche Beispiele zu nennen. In den berufsspezifischen Grundlagen werden u.a. Dolmetschtechniken ,die kommunikative Kompetenz und der Umgang mit Kommunikationsstörungen im interkulturellen Bereich trainiert.

Der Kern der Fortbildung zielt auf einen grundlegenden Perspektivwechsel. Angehende Sprach- und Integrationsmittler lernen, sich in die Lage eines anderen Menschen unanhängig seiner Sozialisierung oder kulturellen Geprägtseins hineinzuversetzen. Es geht aber auch darum, ihnen Deutschland und hiesige Gepflogenheiten näher zu bringen, um diese verschiedenen Kulturen gegenüber stellen zu können. Sie lernen aber auch, sich mit der eigenen Kultur und der eigenen durchlebten Migrationsgeschichte auseinanderzusetzen. Die Selbstreflexion ist eine sehr wichtige Grundlage für die Ausübung des Berufs.

 

Ist der “Sprach- und Integrationsmittler” als Beruf in Deutschland anerkannt?


Er wird bereits von vielen Auftraggebern wie auch Arbeitgebern beansprucht und somit auch anerkannt. Was die staatliche Anerkennung betrifft, sind wir auf dem gutem Wege. Der Entwurf des Antrags der Fortbildungsordnung „Sprach- und Integrationsmittler“ nach § 53 des Berufsbildungsgesetz haben wir beim Bundesinstitut für Berufsbildung eingereicht, und dieser wird dort sehr wohlwollend geprüft. Dahinter steckt ein langjähriger Prozess, in dem seit der EQUAL-Förderphase (EU- Bundesprogramm) die Erfahrungen vieler Institutionen und Qualifizierungsformate von Trägern aus Darmstadt, Berlin, Hamburg, Köln und Wuppertal eingeflossen sind. In der bundesweiten Arbeitsgruppe zur Etablierung dieses neuen Berufsbildes haben wir uns bei der Erarbeitung der bildungspolitischen Eckwerte u.a. an der Schweiz orientiert, wo das Berufsbild bereits etabliert ist.

 

Was können Sie über den Erfolg der Fortbildung sagen?


Der Erfolg besteht unter anderem darin, dass mittlerweile in verschiedenen Bundesländern die Fortbildung zum Sprach- und Integrationsmittler nach bundesweit einheitlichen Ausbildungskriterien und Qualitätststandards durchgeführt wird. Die bikup gGmbH ist der Bildungsträger mit der meisten Erfahrung in der Durchsetzung dieser Lehrgänge in Deutschland. Zuerst wurden die Lehrgänge bei uns über europäische Projekte finanziert. Jetzt werden die Kosten von der Agentur für Arbeit wie auch von Selbstzahlern getragen. Personen aus verschiedenen Kommunen in NRW nehmen an den regelmäßigen Fortbildungen in Köln teil. Das hat dazu geführt, dass wir den ersten landesweiten Sprachmittlerpool, den Sprachmittlerpool NRW, im Jahr 2010 in Betrieb gesetzt haben, um zertifizierte Sprach- und Integrationsmittler erfolgreich in Arbeit zu vermitteln. 

 

Über 60% unserer Absolventen befinden sich derzeit auf den 1. Arbeitsmarkt und wir sind sehr glücklich über diesen erfolgreichen Einstieg. Insbesondere, wenn man sich vor Augen führt, dass das Berufsbild noch keinen großen Bekanntheitsgrad hat und somit fast kaum offene Stellen mit dieser Bezeichung ausgeschrieben werden. Vor allem in Berufe, die sich stark am Kompetenzprofil des Sprach- und Integrationsmittlers orientieren wie in den Bereichen Familienhilfe, Erziehungshilfe sowie in Berufen in denen Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenzen stark gefragt werden, kommen unsere Sprach- und Integrationsmittler erfolgreich unter. 

 

Das geschieht in sehr individueller Weise. Zum Beispiel arbeitet eine Dame aus Eritrea bei einer Firma, die für Knochenmarkspenden wirbt. Dabei war ihr aufgefallen, dass die Beratungsgespräche einen unseriösen Eindruck bei Migranten machen. Die Firma hat sich auf ihre Hinweise eingelassen. Mittlerweile ist sie nicht zuletzt aufgrund ihrer erfolgreichen kultursensiblen Intervention und Kommunikationsstärke für eine ganze Abteilung zuständig. 


Das Arbeiten als Sprach- und Integrationsmittler erfolgt jedoch nicht nur in Form von Festanstellung, sondern auch im Rahmen einer Honorartätigkeit. Hierfür ist der Sprachmittlerpool NRW für Auftraggeber eine wichtige Anlaufstelle. Ich kann Einrichtungen des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesens nur nahelegen, bei Kommunikations-schwierigkeiten unsere Profis heranzuziehen. Wenn sie einmal mit ihnen gearbeitet haben, werden sie nicht mehr auf sie verzichten wollen.

 

Vielen Dank für diesen interessanten Einblick!

 

Das Interview führte Andrea Snippe.

Links zum Weiterlesen:

Die Deutsche Welle (DW) stellt einen didaktisierten Infotext zum Thema “Sprach- und Integrationsmittler” zur Verfügung.
DW - Alltagsdeutsch - Sprach- und Integrationsmittler

Weitere Hintergrundinformationen u.a. zur Abgrenzung des Berufsbilds des Sprach- und Integrationsmittlers von bestehenden vergleichbaren Berufsbildern
sowie zum Stellenwert der Sprachkompetenz hat bikup auf seiner Internetseite zusammengestellt.

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