Punkte

Projekt QSInova: Qualifizierung – Sprache – Integration

Projektzeitraum: seit 2010 (Schulungsort: Berlin) 

Projektträgerin: zukunft im zentrum¹

Durchführende Weiterbildungsträger: Kooperierende Bildungsträger

Zielsetzung und Zielgruppe

Seit 2010 koordiniert die zukunft im zentrum GmbH im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen das Modellprojekt QSInova – Qualifizierung, Sprache, Integration. Im Fokus des Projektes stehen die Beratung von Migrant_innen zum Nachholen eines Berufsabschlusses und die Koordination eines Netzwerkes aus Bildungsträgern, die abschlussorientierte Qualifizierungen mit integrierter Sprachförderung und persönlicher Begleitung entwickeln und umsetzen. Ziel ist es, die Teilnahme- und Teilhabechancen von Migrant_innen in geförderter beruflicher Fort- und Weiterbildung zu erhöhen. 

Im Hinblick auf Berufsbezogenes Deutsch strebt das Projekt an, integrierte Sprachförderung und die individuelle Begleitung (Kompetenzentwicklungsbegleitung) der Teilnehmenden langfristig in die Regelangebote der Bundesagentur für Arbeit zu integrieren. Sprachbildung soll den Zugang zu allen beruflichen Qualifizierungen ermöglichen. 

Die Angebote im Netzwerk von QSInova richten sich an arbeitslose Migrant_innen zwischen 25 und 40 Jahren ohne anerkannten Berufsabschluss, die mindestens über Deutschkenntnisse auf dem B1-Niveau verfügen. Wollen sie einen Berufsabschluss erwerben, sehen sie sich mit folgenden Hindernissen konfrontiert: Das deutsche Bildungssystem ist extrem komplex. Die Wege in den Berufsabschluss bspw. über eine Umschulung oder Nachqualifizierung sind für jemanden, der mit dem deutschen Bildungssystem nicht vertraut ist, undurchsichtig. Viele Migrant_innen haben informell Kompetenzen erworben, können diese jedoch nicht nachweisen und somit im Hinblick auf den Erwerb eines Berufsabschlusses nicht nutzen. Die Kompetenzen in der deutschen Sprache reichen meist entweder nicht aus, um Zugang zu den abschlussorientierten Bildungsangeboten zu finden, oder die bildungssprachlichen Kompetenzen in Deutsch sind nicht ausreichend, um den schriftsprachlich geprägten Weg zum Berufsabschluss erfolgreich zu gehen. Darüber hinaus verhindern begrenzte Aufenthaltstitel die Teilnahme an langfristigen Weiterbildungsmaßnahmen. 

Hier setzt das Netzwerk QSInova mit seinen auf den Erwerb eines Berufsabschlusses ausgerichteten Qualifizierungsangeboten an. Zurzeit werden bei den kooperierenden Bildungsträgern Qualifizierungsmodule aus den Berufsbildern Altenpflegerin, Anlagenmechaniker_in SHK, Köch_in, Maler/Lackierer_in und Tischler_in angeboten. Eine Erweiterung um die Angebote Friseur_in, Hotelfachfrau_mann ist geplant. Die Angebote verzahnen berufliche Qualifizierung, integrierte Sprachförderung und persönliche Begleitung (Kompetenzentwicklungsbegleitung) und ermöglichen den Erwerb von Teilqualifikationen und den Weg zum Berufsabschluss über die Externenprüfung². Das Startmodul dauert jeweils vier Monate, in denen die individuelle Qualifizierungsdauer festgelegt wird. Die nachfolgenden, in sich abgeschlossenen Module werden auf den Kenntnisstand der Teilnehmenden bzw. deren Bedarf ausgerichtet. Insgesamt sind maximal 24 Monate Qualifizierung möglich. Die Bildungsträger werden von QSInova bei der Entwicklung der Angebote und bei der Vorbereitung der AZAV-Zertifizierung³ unterstützt. Der Teilnahme an einem Qualifizierungsangebot ist eine von der Senatsverwaltung Berlin und ESF-Mitteln geförderte Beratung zum Berufsabschluss für Migrant_innen und eine zehntätige Kompetenzfeststellung inklusive einer Sprachstandserhebung vorangestellt.

Integrierte Sprachförderung 

Für Sprachbildung sind 20% der Qualifizierungszeit vorgesehen, ein Anteil, der mit den Bildungsträgern ausgehandelt wurde. Mehr wäre möglich, dies würde jedoch die Kosten der Qualifizierung soweit erhöhen, dass die Zertifizierung nach der AZAV gefährdet wäre. 

Ziel der integrierten Sprachförderung/-bildung, die auf dem vorausgesetzten B1-Niveau in Deutsch ansetzt, ist nicht, dass Teilnehmende ein nächsthöheres Sprachniveau erreichen, sondern dass sie berufliche Handlungsfähigkeit erlangen und die Externenprüfung im jeweiligen Berufszweig bestehen. Nach jedem Modul folgt eine Modulprüfung, die zusammen mit dem_der Sprachdozent_in entwickelt wird. 

Inhaltlich ist der Deutschunterricht u. a. ausgerichtet auf: 

  • das Kennenlernen von Prüfungsformaten und prüfungsbezogenen Fachtermini 
  • die sprachliche Vorbereitung auf die Kommunikation am Arbeitsplatz 
  • damit zusammenhängend die Sensibilisierung der Lernenden für unterschiedliche Sprachregister 
  • Zugang zu Bildungssprache mit dem Ziel, sich sowohl Fachtexte besser erschließen zu können 
  • Vermittlung fachbezogener Lexik 

Die Umsetzung der integrierten Sprachförderung unterscheidet sich organisatorisch und methodisch bei den jeweiligen Bildungsträgern und ist abhängig davon, welche organisatorischen und personellen Rahmenbedingungen vorliegen. bzw. wie die integrierte Sprachförderung definiert wird: von additivem, also zusätzlich erteiltem Deutschunterricht über sprachliche Entlastung von Fachtexten bis zur Einbeziehung der verschiedenen Lernorte (die Werkstatt bspw. ist auch der Unterrichtsraum für Deutsch) und aller Lerninhalte mithilfe von Teamteaching. Eine enge Abstimmung zwischen den Deutschlehrkräften und den Fachlehrenden ist in jedem Fall von großer Bedeutung. Die Ausbildungskräfte profitieren davon, dass Unterrichtsstoff sprachlich entlastet bzw. die Teilnehmenden sprachlich unterstützt werden. Sie entwickeln ihrerseits eine Sprachbewusstheit und können den Sprachdozent_innen Hinweise zum fachspezifischen Sprachbedarf ihrer Teilnehmenden geben.

Professionalisierung der Sprachlehrenden 

Um den Bildungsträgern das Konzept Integrierter Sprachförderung nahe zu bringen bzw. Einheitlichkeit sicher zu stellen, wurde ein Leitfaden entwickelt, in dem konkrete Vorschläge für Übungsformen, Themen/Inhalte, verwendetes Material usw. enthalten sind. Dieser 10-Punkte-Plan ist Teil der Kooperationsvereinbarungen mit den Trägern, wurde jedoch nicht zusammen mit den Sprachdozent_innen entwickelt. 

Für die Sprachdozent_innen wurde ein Schulungsangebot entwickelt, welches um die Zielgruppe der Ausbilder_innen, aber auch die der Kompetenzentwicklungsbegleiter_innen erweitert wurde. Bisher wurden drei Workshops durchgeführt. Darauf aufbauend wurde eine Schulungsreihe entwickelt, die sich an den Praxiserfahrungen der Fachkräfte orientiert. Ziel ist es, die involvierten Fachkräfte und Ausbilder_innen vor Ort zu schulen und gemeinsam ein praxisbezogenes Konzept zur Umsetzung von integrierter Sprachförderung in der beruflichen Erwachsenenbildung zu entwickeln.

Kompetenzentwicklungsbegleitung 

Es hat sich herausgestellt, dass die persönliche Begleitung der Teilnehmenden genau so wichtig ist wie die Sprachförderung selbst. Das Konzept von QSInova sieht für diese Begleitung eine sog. „Kompetenzentwicklungsbegleitung“ vor, die neben der Integrierten Sprachförderung eine zentrale Rolle im Qualifizierungsprozess spielt. Kompetenzentwicklungsbegleiter_innen nehmen die Aufgaben der Lernbegleitung und -unterstützung, des Vermittlungscoachings und der sozialpädagogischen Begleitung wahr.

Herausforderungen der integrierten Sprachförderung 

Neben der Integration von Sprachförderung in abschlussorientierte Qualifizierungsangebote, der notwendigen Flexibilisierung der Curricula in der Nachqualifizierung oder der Zertifizierung der benannten QSInova-Elemente, stellt auch die Umsetzung der Sprachförderung Bildungsträger von Herausforderungen. Die Lehrenden berichten von einem hohen Zeitaufwand für die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien der integrierten Sprachförderung, da kaum berufsspezifische DaZ-Lehrwerke existieren. Problematisch ist dies insbesondere angesichts der Arbeitskonditionen derjenigen Sprachdozent_innen, die als freiberufliche Honorarkräfte ohne feste Anstellung oder stabile Anbindung an die Arbeitgeber_innen beschäftigt sind. 

Manche (auch sonst sehr engagierte) Ausbilder_innen nähern sich zudem nur langsam und skeptisch der Idee einer Verzahnung fachlicher Inhalte mit Sprachbildung („Ich bin kein Sprachexperte.“) und Teamteaching an.

Weitere Informationen 

Weitere Informationen unter http://www.ziz-berlin.de/QSInova.html; siehe hier insbesondere das Konzeptden Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitgruppe der TU Berlin, die IMIS-Studie zum Vergleich abschlussorientierter Qualifizierungen von an- und ungelernten Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sowie eine Expertise zum Transferpotenzial des QSInova-Konzepts. 

Christiane Arndt und Susanne Neumann, „zukunft im zentrum“ / Modellprojekt QSInova

Susan Kaufmann, Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch (Juni 2014)

 

 Anmerkungen

 ¹ „Zukunft im zentrum“ koordiniert das Modellprojekt QSInova Qualifizierung-Sprache-Integration, das mit der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales sowie den Jobcentern Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln entwickelt wurde und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen gefördert wird. 

 ² Ausnahme ist die Altenpflege, da die gesetzlichen Vorgaben keine Nachqualifizierung ermöglichen. Das Konzept von QSInova wird in diesem Berufsbild im ersten Umschulungsjahr umgesetzt, nach dem Teilnehmer_innen in das zweite Jahr einsteigen können. 

 ³ AZAV-Prüfung: Alle Angebote der beruflichen Weiterbildung (FbW) müssen von einer Zertifizierungsstelle auf Basis der Vorgaben der Bundesagentur für Arbeit genehmigt werden.