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Nachqualifizierung für Migranten im Handwerk

In Deutsch kommunizieren zu können ist unbedingte Voraussetzung für einen Platz in der hiesigen Arbeitswelt. Für das Projekt Nachqualifizierung im Handwerk sollten Fachkurse für Migranten entwickelt und mit integrierter Lern- und Sprachförderung verzahnt werden. Infrage kommende Fachkurse gab es am ELBCAMPUS, der Weiterbildungsinstitution der Hamburger Handwerkskammer, bereits, weitere sollten nun hinzukommen.

Es wurden Qualifizierungen mit integrierter Lern- und Sprachförderung für die „klassischen“ handwerklichen Bereiche Metall, Schweißen und Kunststoff genauso wie Lehrgänge für Friseure, Gesundheitsberufe oder Bäckereifachverkäuferinnen angeboten.

Der Erfahrungsbericht der Aktionswoche Metall_Schweißen_Kunststoff, gibt einen sehr anschaulichen Einblick in die Vorgehensweise bsplw. bei der Teilnehmer_innenwerbung und der Kompetenzfeststellung von Qualifizierungsinteressierten.

Kurzbeschreibung der Maßnahme 

1.) Theorie- Ebene: Ausrichtung und Ziele

Die Ausrichtung von Lern- und Sprachförderung beinhaltet folgende Aspekte:

  • Teilnehmerorientierung – individualisiertes Lernen initiieren und fördern, Lernen in der Gruppe fördern; Ressourcen von jedem Teilnehmer erkennen und ihn dort abholen, wo er von seinen Kenntnissen, aber auch seinen Defiziten her steht.
  • Bedarfsorientierung – Ausrichtung an fachsprachlichen Inhalten der Kurse, den jeweiligen Sprachbedarfen
  • Handlungsorientierung – Vorbereitung auf sprachlich-kommunikative Anforderungen, die für den Berufseinstieg gefragt sind, um dadurch die sprachlichen Handlungskompetenzen der Teilnehmer zu stärken Bildungssprache verstehen – Fachtermini, Arten von Fragestellungen, Gebrauchsanweisungen, Prüfungsfragen
  • Selbststeuerung des Lernens – selbst erkennen, wie und wo eigene Schwächen sind
  • Individualisiertes Lernen – angemessene Aufgaben für jeden; die Starken fordern, Schwächere fördern
  • Empowerment – Stärkung von Autonomie und eigenständige Gestaltung von Lebensräumen und Lebenswegen

2.) Praxis – Ebene: Verzahnung von Lern- und Sprachförderung mit Fachkursen 

Entwickelt wurde zum einen die Lern- und Sprachförderung (als Vorbereitungskurs oder integriert im Fachkurs), zum anderen das sogenannte Teamteaching.

Lern- und Sprachförderung Vorkurs: 

Zum einen üben die Teilnehmenden im einmonatigen Vorkurs Lernstrategien ein, um ihr weiteres Lernen selbst besser steuern zu können. Zum anderen eignen sie sich Wissen darüber an, welche Themen und Inhalte sie individuell erarbeiten müssen, und werden darin unterstützt. Die Teilnehmer werden auf erste Fachbegriffe vorbereitet, die im Lehrgang auftauchen. Dieser Wissensvorsprung erleichtert ihnen die Teilnahme am anschließenden Fachunterricht.

Teamteaching:

Das Teamteaching ist Teil des Fachkurses. Bei dieser Art des Unterrichts gestaltet der Fachdozent zusammen mit dem DaZ-Dozenten den Unterricht. Hier ist die Zusammenarbeit der Fach- und Deutschdozenten enorm wichtig, weil der Wissenstransfer zwischen beiden Partnern Voraussetzung für ein gelungenes Teamteaching ist.

3.) Fördermöglichkeiten: 

Die Zielgruppe des NQ-Projekts waren Migranten über 25 Jahre, die Arbeitslosengeld I oder II beziehen, eine entsprechende fachliche Qualifikation erwerben wollen und über das Sprachniveau B1 in Deutsch verfügen.

  • Der Lern- und Sprachförderung Vorkurs ist AZAV zertifiziert und kann daher mit den Regelinstrumenten des SGB II bzw. SGB III gefördert werden.
  • Sofern ein Fachkurs AZAV zertifiziert ist, wird der gesamte Kurs, inklusive des integrierten Teamteaching- Anteils über die Regelinstrumente des SGB II bzw. SGB III gefördert.

Als weitere Fördermöglichkeiten dienen die Weiterbildungsprämie, der Weiterbildungsbonus sowie unter Umständen Finanzierungsmöglichkeiten über die Berufsgenossenschaften.

4.) Spezifika des Kurses (u.a. Methoden, Unterrichtsformen): 

1) Methodisch-Didaktischer Rahmen:
•    Selbststeuerung des Lernens; individualisiertes Lernen (Sprachbedürfnis)
•    Ausrichtung an den fachsprachlichen Inhalten der Lehrgänge (Sprachbedarfe)
•    Training der fachlichen Kommunikation
•    Verwendung authentischer Fachtexte 

2) Elemente der Curricula
•    Lernen lernen, Sprachbedürfnisse aufspüren
•    Verbesserung der fachlichen Kommunikationsfähigkeit
•    Fachsprache (Glossar)
•    Erweiterung der bildungssprachlichen Kompetenz

3) Voraussetzungen an den Dozenten:
•    Sprachliche und lernorientierte Bedürfnisse der TN im Blick
•    Hohe Methodenkompetenz
•    Versteht sich als Moderator von Unterrichtsprozessen, initiiert und unterstützt das selbstgesteuerte Lernen
•    Schafft angstfreien Lernraum & „Fehlerkultur“
•    Fertigt die benötigten Unterrichtsmaterialien an

4) Qualitätssicherung
•    Dozentenkonferenzen & Dozentenschulung
•    Unterrichtsdokumentation
•    Hospitationen
•    Ergebnisse als Teil neuer Produktentwicklungen

5.) Akquise

Interkulturelle Marketingstrategie

Um die Chance für neue Fachkräftepotentiale zu nutzen, ist eine gezielte Ansprache ethnischer Minderheiten nötig. Mit sogenanntem Ethno-Marketing, also interkulturellem Marketingstrategien, ist die Gruppe der Migranten wesentlich besser zu erreichen als mit herkömmlichen Herangehensweisen. Genau aus diesem Grund wird Ethno-Marketing immer interessanter – auch und gerade für das Handwerk.
Dabei funktionierte es nicht, einfach nur vorhandene oder etablierte Werbung in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Effizienter ist es, die Ansprache für die jeweilige ethnische Gruppe zu kreieren. 

Vor Ort mit Multiplikatoren in Kontakt treten

Während die erste Kontaktaufnahme zu den Multiplikatoren häufig per Mailing und anschließendem telefonischen Nachfassen erfolgt, empfiehlt sich als zweiter Schritt ein Besuch vor Ort zur persönlichen Vorstellung des Projekts. Daraus ergeben sich dann häufig Kooperationen, z. B. dass die entsprechenden Berater 
die Qualifizierungsmöglichkeiten auf Veranstaltungen in den Räumen der jeweiligen Einrichtung vorstellen.
Wichtig ist immer auch die Präsenz im Stadtteil, das Durchführen von Stadtteilpromotions, die Präsenz bei Stadtteilfesten und die aufsuchende Beratung auf Veranstaltungen von Multiplikatoren, sprich Institutionen, die Migranten erreichen. Dazu zählen, neben den Integrations- und Sprachkursanbietern, die verschiedenen Religionsgemeinschaften, Kulturvereine, Freundeskreise, aber auch Beratungseinrichtungen sowie Arbeitsvermittler in Arbeitsagenturen und Jobcentern.

Resümee:

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Qualität der Planung und Durchführung von Kursen zum Berufsbezogenen Deutsch durch den  institutionellen und personellen Rahmen, der zur Verfügung gestellt wird, maßgeblich beeinflusst wird. Es gilt daher, schon im Vorfeld über die grundlegenden Anforderungen an das Lehrpersonal und die Bildungseinrichtungen Klarheit zu erlangen.

So mussten z.B. im Bereich des TeamTeaching zunächst Dozenten gefunden werden, die Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten gelernt haben, und ein eigener Dozenten-Pool aufgebaut werden, um diese entsprechenden Lehrkräfte dann auf ihren Einsatz im Fachunterricht vorzubereiten. In der Folge galt es dann, diese mit den Fachdozenten zusammenzubringen, die Verzahnung von Fach- und Sprachunterricht zu organisieren, die Zusammenarbeit zu fördern, das Teamteaching zu etablieren und dieses Unterrichtskonzept zum Leben zu erwecken. Im Projektverlauf wurden regelmäßige Dozenten-Konferenzen zur Evaluation durchgeführt, um aus der Praxis zu lernen und so immer besser zu werden. In diesem Zuge erfolgten auch Schulungsangebote zur Sprachsensibilisierung und zur Gestaltung des Teamteaching. 
All das zu bedenken, in die Wege zu leiten und zu realisieren erforderte Disziplin, Engagement und Begeisterung von allen Beteiligten. 

Haiko Hörnicke vom Projekt "Die Chance" der Handwerkskammer Hamburg stellte die wesentlichen Punkte des Maßnahmekonzepts für Sie zusammen.

Wer gerne noch mehr erfahren möchte, kann sich hier 
den ausführlichen Projektbericht (2,10 MB) dieses Modellprojekts herunterladen.