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Borbet: Kurse für Mitarbeiter in der Produktion

Kursdaten

Vom Februar 2011 bis zum Januar 2012 fanden im Industrieunternehmen Borbet Solingen GmbH parallel zwei Deutschkurse für Mitarbeiter (in der Produktion arbeiten ausschließlich Männer) mit Migrationshintergrund statt, gefördert durch das ESF-BAMF-Programm zur berufsbezogenen Sprachförderung. Die Teilnehmer leben überwiegend seit vielen Jahren in Deutschland. Da die kommunikativen Anforderungen durch Automatisierung und Qualitätstandards an den meisten Arbeitsplätzen gestiegen sind, reicht es oft nicht mehr aus, dass die Mitarbeiter sich in ihrer Muttersprache verständigen. Auf Deutsch müssen Listen geführt, Protokolle geschrieben und Störungen beschrieben werden. Das Ziel des Kurses war,  die sprachlichen Kompetenzen zu verbessern, um sowohl Arbeitsabläufe reibungsloser zu gestalten als auch Konflikte aufgrund von Missverständnissen zu vermeiden. 

Die Kurszeiten wurden an die Wechsel von Früh-, Spät, Nacht- und Freischichten angepasst. Der Unterricht fand unmittelbar nach der Frühschicht oder vor der Spätschicht statt, im Durchschnitt einmal wöchentlich in Einheiten von vier Unterrichtsstunden. Die Teilnahme war freiwillig. Die für den Kurs aufgewendete Zeit zählte als Arbeitszeit und wurde auf dem Arbeitszeitkonto der Mitarbeiter gutgeschrieben.

Von den 26 Teilnehmern im Alter von 23 bis 51 Jahren haben 22 den Kurs abgeschlossen. Ein weiterer berufsbezogener Deutschkurs wird zurzeit vorbereitet.

Ablauf des Kurses, Sprachstandsfeststellung, Sprachbedarfsermittlung

Die Initiative für die Kurse ging von der Personalleitung der Firma aus, die in GBB (Gesellschaft Berufliche Bildung) einen vor Ort ansässigen Bildungsanbieter fand, der ein Konzept für die Förderung durch das ESF-BAMF-Programm entwickelte.

Das Angebot wurde den Mitarbeitern auf Betriebsversammlungen, durch schriftliche Informationen und in Gesprächen von der Personalleitung, dem Betriebsrat und dem Bildungsträger vorgestellt. 

Nach den Informationsveranstaltungen im Betrieb haben die MitarbeiterInnen von GBB den Sprachstand der Interessierten mit Hilfe eines schriftlichen Tests festgestellt. Zusätzlich wurde mit jedem potenziellen Teilnehmer ein Gespräch geführt, um einen Eindruck der mündlichen Sprachkompetenzen zu bekommen.

Da die Kenntnisse und Kompetenzen sehr unterschiedlich waren und genügend Mitarbeiter Interesse hatten, wurden zwei Gruppen mit unterschiedlichem Sprachniveau gebildet, so dass die jeweilige Gruppe ungefähr auf dem gleichen Lernstand war. Das Anfangsniveau lag bei der einen Gruppe bei A1, bei der anderen A2.

Das Kurskonzept sieht einen rein sprachlichen und einen praxisbezogenen Teil vor, der sich auf die Arbeitspraxis der Teilnehmer, das heißt die Vermittlung von Kenntnissen über den Produktionsablauf im Betrieb und die konkreten Sprachbedarfe an den Arbeitsplätzen, bezieht. Zunächst sollten die Teilnehmer in die Lage versetzt werden, Alltagssituationen in deutscher Sprache zu bewältigen. Grundlage für die Gestaltung des  praxisbezogenen Teils war für die DozentInnen eine Betriebsbesichtigung mit einem Rundgang durch die einzelnen Fertigungsabteilungen. Dort lernten die Kursleitenden die Arbeitsabläufe kennen und verschafften sich einen Eindruck davon, was die Kursteilnehmer an ihren Arbeitsplätzen lesen, hören, verstehen, sprechen und schreiben müssen. 

Nach der Betriebsbesichtigung bemühten sich die Lehrkräfte gemeinsam mit den Kursteilnehmern den Produktionsablauf detailliert nachzuarbeiten, und zwar nach den jeweiligen Produktionsabteilungen (Annahme der Produktionsmaterialien mit chemischer Prüfung, Schmelzerei, Gießerei, Mechanik, Handarbeit, Waschanlage, Glanzdrehen, Endkontrolle, Lagerung, Verpackung, Versand/Vertrieb) gegliedert. Die dabei auftretenden Schwächen im Bereich Grammatik und Wortschatz wurden von den Lehrkräften schriftlich festgehalten und im Unterricht umgehend thematisch behandelt. So konnten die Kursteilnehmer sowohl ihr Wissen über die betrieblichen Abläufe erweitern und Anforderungen an jeden einzelnen Arbeitsschritt besser verstehen als auch trainieren, Abläufe und Zwischenprodukte zu beschreiben.

Welche Lehr- und Lernmaterialien wurden benutzt?

Im ersten Teil des Kurses wurde mit den Lehrwerken „Berliner Platz“ Band 1 und Band 2 sowie mit „Orientierung im Beruf  -  Intensivtrainer“ gearbeitet, die aufgrund ihrer leichten Verständlichkeit für die Teilnehmer geeignet schienen und ihnen eigenständiges Arbeiten erleichtern sollten.

Wie oben erwähnt, wurden im praxisbezogenen Teil des Kurses die mit den Kursteilnehmern gemeinsam erstellten Texte zum Gegenstand grammatischer und wortschatzbezogener Übungen gemacht. 

Auf diese Weise brachten die Teilnehmer ihre eigene fachliche Expertise ein, (was entscheidend zur Motivation beitrug), und trainierten die betriebliche Anforderung, Auskunft über ihren Arbeitsbereich geben zu können. Die Teilnehmer erzählten auch von Vorfällen im Betrieb, die dann im Kurs sprachlich bearbeitet wurden. 

Wünschenswert wäre, mehr Materialien aus dem Betrieb (Formulare für die Schichtübergabe usw.) zur Verfügung gestellt zu bekommen, so dass authentisches schriftliches Formulieren anhand von Originaldokumenten geübt werden kann. 

Außerdem sind selbst erstellte Lernkarten, CDs und Zusatzmaterialien in kopierter Form (Standardformulare, Arbeitsverträge, Versicherungsverträge, interne Bewerbungsschreiben und Lebensläufe sowie standardisierte Anleitungen zum Arbeitsschutz) eingesetzt worden. 

Mit den Teilnehmern wurden dann teilweise parallel oder in Blockeinheiten neues Fachvokabular und weitere grammatische Strukturen erarbeitet. 

Methoden und Sozialformen, die sich bei dem Unterricht in der Gruppe bewährten

Das Einbeziehen der Erfahrungen der Teilnehmer, das dialogische Lernen und das gemeinsame Überwinden von Formulierungsdefiziten durch intensive Wiederholungsübungen  trugen ebenso zur allgemeinen Motivation der Kursteilnehmer bei wie der gemeinsam abgesprochene Verzicht auf die Verwendung der Herkunftssprache. 

In Einzelfällen übernahmen die Teilnehmer selbst die Lehrerrolle und erklärten ihren Kollegen detaillierte Zusammenhänge, die diesen wegen der im Betrieb herrschenden Arbeitsteilung weniger geläufig waren. Dies machte die daran aktiv Beteiligten stolz und trug zusätzlich zur Lernmotivation bei. 

Gelegentlich wurde von den Lehrkräften binnendifferenziert unterrichtet, um bestehende  größere Lernstanddifferenzen zwischen den Teilnehmern zu überwinden. 

Wenn die Gegebenheiten es erlaubten, haben die Kursleiter auch handlungsorientiertes Lernen als Motivationsmittel eingesetzt. 

Das selbstständige Lernen auch jenseits des Kurses wurde immer wieder thematisiert. Das Erstellen und Lernen mittels Lernkarten sollte den Teilnehmern ein wertvolles Hilfsmittel werden. Ferner wurden sie in den richtigen Gebrauch des Dudens eingewiesen, um Schreibweise, Trennungsmöglichkeiten, Genitiv- und Pluralbildung eigenständig ermitteln zu können. 

Was haben die Teilnehmer konkret erreicht/gelernt? 

Neben der allgemeinen Entwicklung mündlicher und schriftlicher Kommunikationskompetenzen (über allgemeine Themen und die eigene Biografie sprechen, Formulare ausfüllen, Kurze E-mails, Mitteilungen, formelle Briefe schreiben, sich Notizen machen können) und der Erweiterung der Grammatikkenntnisse haben die Teilnehmer gelernt

  • Arbeitsablauf innerhalb des Betriebes beschreiben, differenziert nach Abteilungen
  • Werkzeuge, Maschinen und Materialien benennen und beschreiben
  • Wortschatzarbeit im Bereich Produktionsablauf (Verben, Substantive, Adjektive, andere Wörter)
  • Betriebsübliche Arbeitsanweisungen verstehen, bestätigen und ihnen Folge leisten
  • Erweiterung der Kenntnisse über Berufe und Arbeitswelt,  Arbeitsverhältnisse, Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz, Verträge, Kommunikation im Betrieb, Geschäftsbriefe,
  • Bewerbungsschreiben, Lebensläufe und Vorstellungsgespräche

Viele Teilnehmer sind im Laufe des Kurses selbstbewusster geworden und wagen sich jetzt auch an den schriftlichen Informationsaustausch. Motivationsfördernd war die Erfahrung der Kursteilnehmer, die neugewonnenen Sprachkenntnisse unmittelbar im Arbeitsalltag umsetzen zu können – dies ist der wesentliche Unterschied zu berufsorientierenden Deutschkursen.

Die Kursteilnehmer haben übereinstimmend bei der abschließenden „Manöverkritik“ den Wunsch geäußert, in begrenztem Umfang mehr über die Gesellschaft, die Ökonomie und die Politik der Bundesrepublik Deutschland zu erfahren, da sie hier bei sich selbst große Wissensdefizite sehen und andererseits ein starkes Interesse daran für sich erkennen. 

Evaluation: Was würden Sie anderen Kursleitern sogenannter Beschäftigtenkurse empfehlen?

  • Unbedingt empfehlenswert ist eine ausführliche Betriebsbesichtigung aller Abteilungen der Produktion in Begleitung einzelner, möglicher wechselnder Kursteilnehmer.
  • Der Unterricht sollte aufgrund einer engen Abstimmung des Curriculums mit der Unternehmungsführung und auch den Kursteilnehmern erfolgen.
  • Zur anfänglichen Motivation unerlässlich ist ein offenes Gespräch mit den Kursteilnehmern über die positiven Effekte, speziell auch für die berufliche Karriere oder die Arbeitsplatzsicherung, die durch eine regelmäßige Kursteilnahme bewirkt werden kann.
  • Durch häufigen Methodenwechsel sollte der Tatsache Rechnung getragen werden, dass die Teilnehmer oft leicht ermüdet sind –besonders wenn der Kurs nach der Arbeit stattfindet- und deswegen besonderer Motivation bedürfen. 

Ulrich Seidenberg, Nurdan Ay, Sabine Braidwood