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Deutsch für den Arbeitsmarkt. Rahmenkonzept für Projektverantwortliche und Lehrpersonen

Ernst Maurer
Zug: Klett und Balmer Verlag (2010)

 

Seit Januar 2010 liegt das Rahmenkonzept „Deutsch für den Arbeitsmarkt“ vor, dessen Autor Ernst Maurer in der Schweiz nicht nur Konzepte für diesen Bereich entwickelt, sondern zusätzlich fortbildend und beratend tätig ist. Ernst Maurer ist seit 2006 Mitglied im Facharbeitskreis Berufsbezogenes Deutsch.

Zielgruppe des 91-seitigen und sehr übersichtlich strukturierten Rahmenkonzepts sind sowohl Kursträger als auch Projektverantwortliche und Lehrende. Das Konzept kann als Grundlage zur Planung, Durchführung und Evaluation berufsbezogener Maßnahmen genutzt werden, die sich vor allem an niedrig qualifizierte Stellensuchende wenden.

„Deutsch für den Arbeitsmarkt“ beinhaltet sechs thematische Rubriken. Einführend werden in einem Rahmenkonzept Ziele, Inhalte, Methoden und Hinweise zur Evaluation von Maßnahmen zur arbeitsmarktorientierten Deutschförderung aufgeführt. Die Textstrecken in den einzelnen Kapiteln sind dabei anschaulich durch Kästen, in denen die wichtigsten Inhalte bündig zusammengefasst sind, ergänzt. Die erste Rubrik schließt mit Hinweisen zur Qualitätsentwicklung und einem Anforderungsprofil für Deutschlehrer_innen. Letzteres zeichnet sich dadurch aus, dass der Autor das Anforderungsprofil in die vier Kompetenzbereiche Fachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozial- und Selbstkompetenz unterteilt, wodurch die komplexen Anforderungen an Lehrpersonal aufgeschlüsselt und überprüfbar werden. In der zweiten und dritten Rubrik „Deutschförderung in Kollektivkursen“ und „Deutschförderung in Beschäftigungsprogrammen“ werden ergänzend die Besonderheiten von Kursen, die entweder nur von arbeitslos gemeldeten Teilnehmern (II) oder von Stellensuchenden, die Kurse mit sprachlich-fachlichen Qualifizierungsschwerpunkten besuchen (III), erläutert. Auch wenn die Rahmenbedingungen für solche Maßnahmen in der Schweiz andere als in Deutschland sind, lassen sich bei den Richtlinien und den inhaltlichen Schwerpunkten der Kurse doch viele Parallelen zur berufsbezogenen Sprachförderung in Deutschland herstellen. Nicht zuletzt wird in diesen ersten drei eher theoretisch orientierten Rubriken auf die Bedeutung der methodisch-didaktischen Qualitätskriterien Handlungsorientierung, Teilnehmerorientierung und Bedarfsorientierung für berufsbezogene Maßnahmen eingegangen.

Vor allem die Rubriken IV „Umsetzungsbeispiele“ und V „Tools“ liefern wertvolle – und aus den Prämissen der vorangestellten Rubriken abgeleitete - Anregungen und Hilfsmittel für die Kursplanung und -gestaltung, von der Sprachbedarfserhebung über Übungsbeispiele bis hin zur Evaluation von Maßnahmen.

So findet sich bei den Umsetzungsbeispielen eine Beispielaufgabe zum Hörverstehen von Anrufbeantwortertexten, eine Reflexionsübung für Kursteilnehmer_innen zu ihren Lernwegen sowie verschiedene Anregungen zum Vermitteln von Lerntechniken. Schließlich stellt die Rubrik V für viele Praktiker_innen vermutlich das Highlight des Rahmenkonzepts dar: Hier findet sich nicht nur eine exemplarische Anwendung der Sprachniveaus des europäischen Referenzrahmens auf sprachlich-kommunikative Anforderungen von Arbeitsplätzen, sondern auch ein übersichtliches Raster für Sprachbedarfsermittlungen, mit dem sprachlich-kommunikative Anforderungen von Arbeitsplätzen erhoben werden können. Darüber hinaus beinhalten die Tools verschiedene Vorlagen zur Unterrichtsbeobachtung (unter methodisch-didaktischen Gesichtspunkten sowie auch mit dem Schwerpunkt auf die Beobachtung der Lehr- und Sozialkompetenzen der Kursleitenden) und zur Dokumentation von Maßnahmen. Rubrik VI Hinweise schließt mit einer Literaturliste und einem Glossar, das auch Nicht-Schweizer_innen die Rahmenbedingungen der verschiedenen berufsbezogenen Maßnahmen erklärt.

Kommentar

Das Rahmenkonzept Deutsch für den Arbeitsmarkt ist eine bisher einzigartige Zusammenstellung von praxisrelevanten Materialien für berufsbezogene Deutschkurse in Kombination mit einer detaillierten Beschreibung von Profilen und Anforderungen berufsbezogener Maßnahmen in der Schweiz. Da sich die meisten Inhalte und Materialien sehr gut für die bundesdeutsche Kurslandschaft adaptieren lassen, ist das Rahmenkonzept auch für Projektverantwortliche und Kursleitende im hiesigen Kontext eine unersetzliche Anregung.

Lediglich bei der Abbildung der vier Fertigkeiten (im Raster für die Sprachbedarfermittlung) wäre eine kleine Veränderung wünschenswert: Zum einen wird in der aktuellen fremdsprachendidaktischen Diskussion in Deutschland von zumindest einer fünften Fertigkeit, nämlich dem Hörsehverstehen gesprochen, das besonders für die Rezeption audiovisueller Texte an Bedeutung gewinnt. Diese Verknüpfung von zwei Fertigkeiten erscheint sehr plausibel. Sprachlich-kommunikative Handlungen lassen sich meist nicht scherenschnittartig in getrennte Fertigkeitsbereiche einordnen, wie das Raster für die Sprachbedarfsermittlung zunächst impliziert: So stellt etwa Hören niemals nur eine rezeptive Fertigkeit dar. Wenn Sprecher_innen telefonisch kommunizieren, müssen sie darüber hinaus immer auf Gehörtes sprechend reagieren. Wie ist folglich „Telefonieren“ in Maurers Sprachermittlungsraster abzubilden?

Hier würden wir eher für eine Darstellung plädieren, die Fertigkeiten nicht voneinander abgegrenzt, sondern als Kontinuum in den Blick nimmt.

In einem unserer Workshops hat Ernst Maurers Raster zur Sprachbedarfsermittlung diesbezüglich zu konstruktiven Diskussionen geführt. Wenn ein Rahmenkonzept zum kommunikativen berufsbezogenen Unterricht den Austausch unter Fachleuten befördert, ist vielleicht letztlich auch dieser kleine Kritikpunkt nur als ein weiterer Erfolg zu bewerten.


Bettina Kleiner