Punkte

Betriebliches Sprachmentoring

„Ich bin so frustriert: Schon wieder hat mir der Kollege in seinem gebrochenen Deutsch nicht erklären können, welches Problem es mit den Rücksendungen gab. Ich denke, ich habe die Arbeit gut erklärt und es ist verstanden worden. Aber dann stell ich fest, dass es doch nicht so gemacht wird. Was können wir tun?“ So oder ähnlich berichten Anleitende und Kolleginnen und Kollegen aus Unternehmen von sprachlichen Barrieren, die die Arbeit erschweren. Oft gibt es dort auch Menschen, die guten Willens sind die „neuen“ Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, aber manchmal nicht so richtig wissen, wie oder wie sie es professioneller machen könnten.

Für diese Personen haben die Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch, die VHS Braunschweig und die AWO Bielefeld ein Fortbildungsangebot entwickelt. Betriebliches Sprachmentoring heißt: Den zugewanderten Kolleginnen und Kollegen sowohl bei sprachlichen Herausforderungen zur Seite zu stehen als auch im eigenen Unternehmen Maßnahmen anzustoßen, die das „Deutsch lernen“ am Arbeitsplatz erleichtern.

Betriebliches Sprachmentoring ist flexibel und kann sehr unterschiedlich umgesetzt werden: Entsprechend wurden an allen drei Standorten verschiedene Wege gewählt. Gemeinsam ist den Fortbildungsformaten, dass immer alle Beteiligten in den Blick genommen werden, die Sprachlernenden genauso wie die direkten Kolleginnen und Kollegen, aber auch Vorgesetzte und Entscheider. Für die direkten Kolleginnen und Kollegen kann dies bedeuten, erst einmal zu erleben, wie schwer es sein kann, Deutsch zu lernen und den Arbeitsalltag mit einer „neuen Sprache“ zu meistern. Ein nächster Schritt, häufig zusammen mit Vorgesetzten oder Betriebsleitern, ist es, zu erkunden, welche Bedarfe es am Arbeitsplatz gibt: Wie sieht der betriebliche Alltag aus? Welche Aufgaben haben die zugewanderten Kolleginnen und Kollegen, welche Sprachhandlungen sind erforderlich?

Gemeinsam kann dann überlegt werden, welche Maßnahmen im Betrieb umzusetzen sind, wie die jeweilige Arbeitsumgebung lernförderlich gestaltet werden kann und wer dazu einen Beitrag leisten will.

Der Blick auf die betrieblichen Bedarfe kann aber auch ergeben, dass die potenziellen Sprachmentoren an ihrer eigenen Kommunikation und an der Genauigkeit ihres Ausdrucks arbeiten. „Sind meine Anweisungen klar, eindeutig, verständlich?“ Solche und ähnliche Fragen stellt die Fortbildung im Rahmen interaktiver Übungen und Methoden, die dabei unterstützen, das eigene Kommunikationsverhalten zu reflektieren und die dabei auch noch Spaß machen.

Bei der Durchführung einer Übung, in der einzelne Arbeitsschritte präzise beschrieben werden mussten, um das eindeutige Formulieren von Arbeitsanweisungen zu trainieren, entwickelte sich rasch eine Diskussion darüber, was „genau arbeiten“ für einen speziellen Arbeitskontext bedeutet. In der Folge wurde gemeinsam erarbeitet, wie die Fachanleiterin ihren Mitarbeiterinnen vermitteln könnte, welchen Qualitätsstandard in punkto Genauigkeit sie erreichen müssen.

In Hamburg wurde die Fortbildung zweitägig als offenes Angebot durchgeführt, die Gruppen waren entsprechend heterogen zusammengesetzt – diverse Branchen, unterschiedliche Aufgabenbereiche, verschiedene fachliche und sprachliche Anforderungen. Während die Anleitenden und Ausbildenden der beliebten Berufe, beispielsweise Industriemechaniker/in oder Kfz-Mechatroniker/in, hohe Erwartungen an sprachliche Voraussetzungen und an das Engagement ihrer internationalen Mitarbeitenden stellen, müssen sich Branchen, die nicht so leicht Personal finden, eher bemühen, den neuen Kolleginnen und Kollegen beim Lernen entgegenzukommen. Dieses anfängliche „Problem“ entpuppte sich jedoch als große Chance: Die Teilnehmenden erarbeiteten gemeinsam Vorschläge für einzelne Arbeitskontexte, der Kollegenblick aus einer anderen Perspektive führte häufig zu Lösungsansätzen, auf die man „selber nicht gekommen wäre“.

Im Anschluss an die Fortbildung gab es die Möglichkeit, eine Praxisbegleitung im Unternehmen durchzuführen. Vor Ort konnten die Gegebenheiten betrachtet und gemeinsam überlegt werden, welche Strategien aus der Fortbildung vorrangig umzusetzen wären.

Das Braunschweiger Fortbildungsangebot „Sprachmentoring in der Pflege“ dagegen ist auf eine spezielle Berufsgruppe fokussiert und wird in fünf eintägigen Modulen durchgeführt. Dieses ausführliche Format bietet den Raum eine Vielzahl von Themen wie beispielsweise „kultursensible Pflege“ und die Reflektion der eigenen Rolle als Sprachmentorin zu erarbeiten.

Ein anderer Ansatz wird in Bielefeld erprobt: Dort wird der betriebliche Deutschunterricht für die zugewanderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Unternehmens mit Sprachcoaching und einem Beratungsangebot Sprachmentoring für Kolleginnen und Kollegen sowie Führungskräfte kombiniert. Die Erfolge dieses inhouse durchgeführten integrierten Projekts sind richtungsweisend: Die Anfragen anderer Betriebe lassen nicht auf sich warten.

Ansprechpartnerinnen in der Fachstelle für das Projekt "Betriebliches Sprachmentoring": Ute Köhler und Rita Leinecke