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"Deutsch über alles?" Tagungsbericht

Die Arbeiterkammer Wien, die Wiener Volkshochschulen bzw. der Verband österreichischer Volkshochschulen, die Universität Wien und das Netzwerk Sprachenrechte luden vom 23. bis 24.November 2010 in Wien zu einer Konferenz mit dem Titel „Deutsch über alles?“ ein. In acht Vorträgen und fünf Workshops wurde dieser Frage an den beiden Tagen äußerst kritisch nachgegangen.

Bereits in ihrer Begrüßung mahnte Dwora Stein, Vizepräsidentin der Arbeiterkammer Wien: „Es braucht aber auch ein Umdenken bei der Sprachenpolitik. Die geplante Verschärfung der Integrationsvereinbarung durch Erhöhung der erforderlichen Sprachkenntnisse wird von der AK kritisch gesehen. Besser ist es, positiv zum Weiterlernen zu motivieren durch gute und leistbare Kurse, statt zu drohen: „Wenn du die Sprachprüfung nicht schaffst, musst du das Land verlassen, und wie du die Prüfung schaffst, ist dein Problem.“

Kritische Vorträge

Auch mit den Überschriften der Beiträge am ersten Tag wurde zumindest teilweise die Eingangsfrage kritisch beantwortet: „Deutsch für die Integration – notwendig, aber nicht hinreichend: Weshalb der Deutschzwang Integration behindern kann und wie das besser zu lösen wäre“ – so der programmatische Titel des Vortrags von Professor em. Hans-Jürgen Krumm, Universität Wien. Sein zugespitztes Fazit: „Sehr gute Deutschkenntnisse sind das Ergebnis von Integration, nicht deren Voraussetzung.“ Einen analytischen Überblick und kritische Reflexionen zu den „Tests für Staatbürgerschaft und Integration in Europa“ bot Piet van Avermaet von der Universität Gent: „Ich behaupte, dass kein einziger Sprachtest, der im Rahmen von Integrationspolitik entwickelt wurde, aussagekräftig bzw. gültig ist, … mit Ausnahme eines Zieles: Exklusion oder Zuwanderungskontrolle.“ Philia Thalgott von der Language Policy Divison des Europarats informierte prägnant über die „Sprachliche Integration erwachsener Migrant/innen aus der Sicht der Leitlinien des Europarates und seiner Initiativen“ (vgl. dazu z.B.: http://www.coe.int/de/web/lang-migrants/forms-of-linguistic-integration). Und spätestens der Vortrag von Professorin Inci Dirim vom Germanistischen Institut der Universität Wien – „Zur Rolle der Erstsprachen bei der Bildung“ – verdeutlichte, dass eine „Sprach“förderung für Migrant/innen sich nicht auf die Förderung der Zielsprache allein beschränken darf/ sollte.

Workshops und Podiumsdiskussion

In den Workshops wurde vertiefend auf die Fragen eingegangen, wie Erstsprachen gefördert werden können (auch als Basis für den Erwerb der Zweitsprache), wo Tests zur Sprachstandsfeststellung sinnvoll einsetzbar sind und welchen Stellenwert Prüfungen für Aufenthaltstitel, Arbeitsmarktzugang und Einbürgerung haben (sollten). Die (Weiter)Bildung von Eltern und deren Auswirkung auf die Entwicklung der Kinder war ein weiteres Workshopthema, ebenso die Sensibilisierung für die Förderung von berufsbezogener Sprache und die Herausforderung, in anspruchsvollen Bereichen wie Behörde und Gesundheit effizient zu dolmetschen.

Die Podiumsdiskussion zum Abschluss der Konferenz zum Thema „Strategien für Österreich“ beleuchtete u. a. auch die Frage, ob und inwiefern die „alteingesessenen“ Österreicher/innen tatsächlich auf die „real existierende“ Mehrsprachigkeit in ihrer gewohnten Umgebung vorbereitet sind und wie sie mit Plurilingualität umgehen: Johann Kneihs von Ö1, der das Podium moderierte, stellte hier die überraschende Frage, ob „denn die Österreicher vielleicht Angst vor Sprachen“ hätten. Diese Frage wurde nicht ausführlich beantwortet, aber es lohnt sich vielleicht, die Perspektive der „Sprecher/innen der Mehrheitssprache“ bei der Frage nach „sprachlicher“ Integration stärker einzubeziehen. Deren möglicherweise bestehende Ängste müssen ernst genommen werden, um gegen den zu Recht kritisierten „monolingualen Habitus“ konkrete Handlungsstrategien entwickeln zu können. 

Eine Dokumentation mit den Beiträgen der Konferenz ist für den „Jänner“ 2011 angekündigt.

 Petra Szablewski-Çavuş