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Professionalität und Ehrenamt in der Spracharbeit für Flüchtlinge

Das vergangene Jahr war in Deutschland und natürlich auch bei uns in Bielefeld geprägt von der Herausforderung, die vielen ankommenden Flüchtlingen zunächst gut unterzubringen und erste Angebote der Orientierung in unser Land und zu den hier lebenden Menschen zu gestalten. Eines der drängendsten Probleme war und ist die Kommunikation. Der Druck, möglichst schnell möglichst viele Deutschkurse anzubieten und Ehrenamtliche entsprechend weiterzubilden war groß. Ich kann mich an viele Diskussionen mit Bielefelder Kolleginnen und Kollegen erinnern, in denen sie den Spagat ausdrückten, in dem sie sich befanden:

Zum einen haben sie ein Hochschulstudium absolviert und wissen, was und wie viel man als DaZ-Lehrende können muss. Ehrenamtlichen dieses Wissen und die Haltung in einigen Abendseminaren zu vermitteln, ist nicht möglich. Zum anderen aber gab es für Flüchtlinge zunächst keine Angebote in der Deutschförderung und sie hätten ohne ehrenamtliche Sprachförderung gar keinen Zugang zur deutschen Sprache gefunden.

Spätestens diese Diskussion ist ein guter Anlass, zunächst einmal danach zu fragen, was wir im Gegenzug zu Ehrenamt eigentlich unter Professionalität verstehen.

Professionalität

Der Soziologe Oevermann (1996) geht in der Pädagogik von einer differenzorientierten Perspektive aus und verortet professionelles Handeln als Ort der Vermittlung von Theorie und Praxis unter der Bedingung wissenschaftlicher Rationalität.

Das bedeutet einen Reflexionsstil und Urteilsformen, die den Lehrenden eine hohe Begründungsleistung abverlangen. Sie müssen nicht nur auf eine bestimmte Situation reagieren, sondern dies auch nachvollziehbar gegenüber Lernenden, Kollegen, der eigenen Institution, den Auftraggebern, der Gesellschaft etc. auf allen Handlungsebenen begründen können. Diese Haltung ist dynamisch, d.h. man kann sie nicht einmal erlernen und dann quasi abrufen, sondern es handelt sich um eine immer wieder aufs Neue situativ herzustellende Leistung in einem sich immer wieder neu herstellenden Arbeitsfeld.

Dabei stehen nicht die Routinen im Vordergrund, sondern professionelles Handeln vollzieht sich im Erkennen und Bewältigen von neuen Anforderungen bzw. Krisen und im Aushalten von Widersprüchen. Um diese Widersprüche und Paradoxien produktiv bearbeiten zu können, müssen Lehrende folgende Kompetenzen mitbringen, die außerhalb des Unterrichtens propädeutisch entwickelt werden müssen:

  • ein klares Bewusstsein von der eigenen beruflichen Handlungsaufgabe
  • ein Verständnis der eigenen Berufsrolle und der Rolle des Klienten
  • ein spezifisches Wissen und Können
  • ein professionsspezifisches Handlungsethos

Aushalten von Widersprüchen

Pädagogisches Arbeiten ist geprägt von Antinomien, d.h. in einer Situation sind verschiedene Perspektiven und Handlungsanforderungen virulent, die tendenziell als gleichwertig bewertet werden können, aber nicht gleichzeitig oder mit der gleichen Wertigkeit berücksichtigt werden können.

Eine Grundanforderung an eine Lehrertätigkeit ist es, solche gegensätzlichen Handlungsanforderungen zu erkennen, mit ihnen umgehen und sie aushalten zu können.

Typische Antinomien sind die widersprüchliche Einheit von Theorie und Praxis, von wissenschaftlich kodifiziertem Wissen und alltagsweltlichem Erfahrungswissen, von Nähe und Distanz, von Macht und Symmetrie ….

In Unterrichtssituation besteht beispielsweise ein erhöhter Handlungs- und Entscheidungsdruck, unter dem Lehrende schnell, bewährt und routiniert handeln müssen und dabei auch auf ihre privaten, biografischen oder lebensweltlichen Erfahrung zurückgreifen. Dennoch müssen sie ihr Handeln stets theoretisch reflektieren und durch eine wissenschaftliche oder beruflich erworbene Wissenspraxis begründen können. In Zeiten starker Wandlungsprozesse wie beispielsweise hoher Flüchtlingszahlen müssen Lehrende zudem in der Lage sein, diese veränderten Anforderungen unmittelbar in ihre Arbeit einzubinden und sich einen erweiterten theoretischen Hintergrund zu erarbeiten.

Um Lehren zu können, muss eine Lehrkraft auf berufliches Erfahrungswissen zurückgreifen können, gleichzeitig ist Lehren nicht technologisier- und reproduzierbar. In der beruflichen Praxis erworbenes Erfahrungswissen über bestimmte „Lernergruppen“ wird u.U. dem Einzelfall nicht gerecht.
Lehrende fordern zudem zur Lernerautonomie auf, bewegen sich dabei aber in einem von Regeln und Zwängen definierten Feld. Dies sind nur einige Beispiele.

Was sind die Anforderungen und Rahmenbedingungen für professionelle DaZ-Vermittlung?

Die Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache ist ein multikomplexes und sehr dynamisches Feld. Es ist gekennzeichnet von Menschen, deren Migration sehr unterschiedlich verlaufen ist: ungeplant unter traumatischen Umständen oder geplant, mit Hoffnungen und Erwartungen, mit Ängsten, als Ältere, als Jüngere, mit einem unterstützenden Umfeld oder alleine ….  Sie haben einen heterogenen Lebens- und Lernhintergrund und unterschiedlichste Ressourcen. Sie müssen und möchten sich in Sprachkursen neuen interkulturellen und anderen pluralistischen Diskursen stellen und für sie ist der Sprachkurs oft der erste Ort, an dem sie Fragen zu „Land und Leuten“ stellen können. Diese Hintergründe gilt es so einzubinden, dass Lernen produktiv gelingen kann.

Dabei können wir nicht nur die direkte Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden in den Blick nehmen. Im Prozess der Deutschvermittlung ist ein gesellschaftlich definierter Auftrag, in den viele verschiedene Akteure quasi mit „im Unterricht“ sitzen. Faktisch sieht sich der Lehrende einer Mehrfachverpflichtung ausgesetzt
gegenüber

  • dem lernenden Individuum
  • der gesamten Lerngruppe
  • der eigenen Organisation, dem Sprachkursträger ..
  • der eigenen Profession
  • „der Gesellschaft“ als solcher
  • aber auch verschiedenen gesellschaftliche Teil-Akteuren wie aufenthaltsgestattende Behörden, Arbeitsagenturen, Akteuren der beruflichen Bildung etc.

Lernen geschieht nicht immer freiwillig und konkurriert mit einer Vielzahl von anderen Erfordernissen wie Wohnungssuche, Aufenthaltsprobleme … Der Lernerfolg entscheidet zudem wesentlich über weitere Leistungen, die den Lernenden zur Verfügung gestellt werden oder wichtige Ziele, die sie erreichen möchten.

Durch die gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen kann und darf sich die Sprachvermittlung einer Qualitätskontrolle nicht entziehen, wenn sie weiterhin Vertrauen und Akzeptanz erhalten und sich vor allem auch hinsichtlich neuer Anforderungen weiterentwickeln möchte. Das bedeutet, dass Lehrende auch hier wieder ihr Tun in der eigenen Fachcommunity und auch gegenüber Dritten darstellen müssen. Sie müssen dies in einer Art und Weise tun, die von anderen „verstanden“ werden kann, d.h. man benötigt die Kompetenz für einen fachlich definierten Diskurs, innerhalb dessen sich die teilnehmenden Akteure verständigen können.

Neben der Komplexität und Widersprüchlichkeit ist das Arbeitsfeld DaZ unmittelbar von der Globalisierung und damit von einer unglaublichen Dynamik geprägt. Eine Verzahnung mit der berufsbezogenen Weiterbildung ist abzusehen und wir benötigen professionelle Lehrkräfte, die den aktuellen Anforderungen gerecht werden und die vor allem für zukünftige Anforderungen Lösungen entwickeln können. Dafür benötigen wir eine Fachöffentlichkeit, die miteinander kommunizieren kann und sich selbst professionell verortet.

All diesen Anforderungen kann und muss Ehrenamt nicht gerecht werden.

Ehrenamtliche Laientätigkeit in der Deutschvermittlung

Ehrenamt ist dadurch geprägt, eben nicht professionell tätig sein und sich nicht auf berufsspezifischen Rollen beschränken zu müssen. Ehrenamtliche können Deutschlernenden ein Angebot machen, das diese von professionell Lehrenden nicht erhalten können. Das ist eine Chance, die es zu nutzen gilt.

Ehrenamtliche haben die Freiheit, eine ganzheitliche Rolle einzunehmen und sich mit ihren privaten und ganz subjektiven Bezügen auf ihr Gegenüber einlassen zu können. Sie müssen sich thematisch nicht auf ein rechtlich vorgegebenes Curriculum beschränken, sondern können ganz individuell auf Lernende eingehen und fragen, was ihnen wichtig ist zu lernen. Ehrenamtliche können Lernen mit einem emotionalen Beziehungsangebot verbinden und Lernen in authentischen Situationen und Begegnungen gestalten.

In Bielefeld gibt es eine gut venetzte und kooperativ arbeitende Trägerstruktur, so dass die Frage der Einbindung von Ehrenamtlichen in die Deutschvermittlung nicht nur trägerintern, sondern auch im Netzwerk und mit der Stadt Bielefeld diskutiert werden und in einer gemeinsamen Haltung münden konnte.

Professionelle und ehrenamtlich Sprachvermittlung „Hand in Hand“

Ein gutes Beispiel für diesen Ansatz ist das Café Bonvenon der AWO Bielefeld, das sowohl Ehrenamt als auch professionelle Sprachvermittlung mit seinen jeweiligen Synergieeffekten nutzt.

Das Café Bonvenon ist ein Sprachcafé, das einmal wöchentlich im Mehrgenerationenhaus stattfindet. Ziel des Angebotes ist eine praktische Anwendung der deutschen Sprache mit bedürfnis- und alltagsorientierten Sprechanlässen, Landeskunde, Informationen, Austausch und Begegnung. Es findet in einer ansprechenden und freundlich gestalteten Atmosphäre statt. Sprachanregende Materialien wie Spiele, Zeitungen, Info-Material etc. stehen zur Verfügung und ein großer Tisch ist mit Kaffee und Keksen eingedeckt. Das Sprachcafé wird von Flüchtlingen besucht, aber auch von interessierten Anwohnerinnen und Anwohnern aus dem Stadtteil. Einige davon sind mehrsprachig und helfen beim Übersetzen, wenn die Worte auf Deutsch noch fehlen. Das Angebot wird von Ehrenamtlichen begleitet, die bei der AWO Sprachschule eine Weiterbildung zur Sprachsensibilisierung und ein interkulturelles Training absolviert haben.

Parallel zu dem ehrenamtlich moderierten Teil gibt es für Interessierte in einem Nebenraum die Gelegenheit, bei einer qualifizierten DaZ-Lehrerin Basiskenntnisse des Deutschen zu erlernen. Auch wenn dies nur einmal in der Woche stattfindet, ist es für viele der erste Einstieg in das Deutschlernen. Hier handelt es sich um strukturierte Sprachvermittlung mit einem professionellen Hintergrund. Dazu gehören auch die Information und die Verweisberatung zu weiteren und zeitlich umfassenderen Kursangeboten für Flüchtlinge.

Der Auf- und Ausbau deutscher Sprachkenntnisse muss durch professionelle Deutschlehrkräfte in einer Struktur verbindlicher und kontinuierlicher Angebote erfolgen. Ehrenamtliches Engagement ergänzt und erweitert dieses Angebot durch Gelegenheiten zur Begegnung und Kommunikation.

Christiane Carstensen
25.02.2016

Krumm, Hans-Jürgen: „Was Freiwillige bei der Sprachunterstützung brauchen – und was nicht“, Universität Wien
(letzter Zugriff am 03.01.2016)

Oevermann, Ulrich (1996): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: Arno Combe & Werner Helsper(Hrsg.) Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 70–182.  

Pachner, Anita: Selbstreflexionskompetenz. Voraussetzung für Lernen und Veränderung in der Erwachsenenbildung? In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, Ausgabe 20, Wien, 2013.

Peters, Roswitha: Erwachsenenbildungsprofessionalität. Ansprüche und Realitäten, In: Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung, DIE, 2004.

Schepers, Claudia: Wenn Kursleitende lernen – Orientierungssuche im Rahmen einer individuellen Professionalitätsentwicklung, Internationale Hochschulschriften, Bd.603, Münster, 2014.