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Thienemann-Verlag: sprachliche Überarbeitung von „Die kleine Hexe“

Einen wichtigen Anstoß zu seiner Entscheidung, den Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler zu modernisieren, erhielt der Stuttgarter Verlag offensichtlich durch einen Brief von Mekonnen Mesghena, der in der Heinrich-Böll-Stiftung das Referat Migration & Diversity leitet: Als er seiner siebenjährigen Tochter aus dem Kinderbuch die Stelle vorlas, in dem sich die kleine Hexe unter eine Gruppe von Kindern mischt, die sich zu Fasching verkleidet hatten, fühlte er sich wie vor den Kopf gestoßen. Von einem „Negerlein“ war da unter anderem die Rede, von „Chinesenmädchen“ und „Türken“ (Siehe die Meldung der taz.)

Der Verlag äußerte sich in einer Pressemitteilung detailliert und nachvollziehbar zu seiner Entscheidung: „Niemand hat Otfried Preußler je Rassismus vorgeworfen. Im Kontext der Entstehungszeit waren die fraglichen Begriffe neutral, aber aus heutiger sind sie es eben nicht mehr. Wir halten eine Modernisierung auch bei anderen veralteten und ungebräuchlichen Wörtern für sinnvoll. Zum Beispiel kennen Kinder das Wort „wichsen“ nicht mehr im Sinn von „putzen“ oder „polieren“. Früher wurden Stiefel eben gewichst. Wenn also im Text steht, dass Kinder „durchgewichst“ werden, erscheint es uns sinnvoll, daraus „verhauen“ zu machen. …. Weil uns die Texte so wichtig sind, glauben wir, dass sie im Laufe der Zeit bedachtsame Bearbeitungen benötigen. Sie würden sonst für Kinder unverständlich und nicht mehr gern gelesen werden. Zum Beispiel heißt es in den meisten Ausgaben von Grimms Märchen im Rotkäppchen nicht mehr: „Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah ...“. Der Begriff „Dirne“ wird heute anders verstanden und wurde deshalb fast überall durch „Mädchen“ ersetzt.“ 

Nach den Ergebnissen einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die in zahlreichen Presseorganen zitiert werden (z. B. hier), lehnen es aber 70 Prozent der Befragten ab, Worte wie „Neger“ aus Büchern zu entfernen. 65 Prozent bewerteten ein solches Vorgehen als Zensur und nur 22 Prozent haben sich für ein entsprechendes Vorgehen ausgesprochen. 

Bleibt dem Thielemann-Verlag zu danken, dass er eine wichtige Diskussion dem öffentlichen Diskurs zugeführt hat: Sollen rassistische Stereotype und Vorurteile tatsächlich unter dem Schutz von Presse- und Meinungsfreiheit ungehindert weiterhin vermittelt werden? Oder ist es an der Zeit, dass sich Autoren fragen und sich fragen lassen müssen, warum sie diese Begriffe benutzen? Und sollten nicht in erster Linie die Menschen dazu befragt werden, die sich durch solche Begriffe diskriminiert fühlen? – Dies sind Fragen, mit denen sich wohl auch Linguisten und Pädagogen intensiver befassen sollten, und dies möglicherweise nicht nur mit dem Blick in Kinderbücher, sondern auch auf Schulbücher sowie auf die anderen Büchergenres.