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Kimmelmann, N. (2010): Cultural Diversity als Herausforderung der beruflichen Bildung

Im ersten Themenschwerpunkt des Buches geht es um die Situation von Lernenden mit Migrationshintergrund in der beruflichen Bildung und in Schulen. Hier stellen u. a. Eva Quante-Brandt und Thea Grabow eine von ihnen durchgeführte Studie vor, die am Beispiel der Ausbildung im Bremer Handwerk die Sicht Auszubildender mit Migrationshintergrund auf ihre Ausbildungsrealität in den Mittelpunkt stellt. Die Autorinnen kommen auf der Grundlage einer empirischen Studie u. a. zu dem Ergebnis, dass die von ihnen befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht die gleichen Möglichkeiten haben, im betrieblichen Alltag Handlungskompetenzen zu entwickeln wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Ihre Potenziale werden nicht gefördert, vielmehr ist eine homogene Gruppe von Azubis der durch verschiedene Selektionsmechanismen produzierte Effekt: Von den Azubis mit Migrationshintergrund wird vor allem Anpassung erwartet. Das zusammen mit der zu geringen Unterstützung und Förderung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund – etwa bei der Prüfungsvorbereitung und -durchführung - hat eine hohe Zahl von Abbrüchen in Ausbildung und verschiedenen Berufsfeldern zur Folge. 

 

Im Mittelpunkt des Schwerpunkts steht Organisationsentwicklung als Bestandteil von Diversity Management sowie die Frage der Übertragbarkeit des Konzepts Diversity Management auf die berufliche Bildung. Neben zwei Beispielen von organisationsbezogenen Veränderungen an einer Grundschule und einer Berufsschule erschien mir hier der Aufsatz von Rudolf Leiprecht zu Diversity Education im Bereich beruflicher Bildung ausgesprochen lesenswert. Leiprechts Verständnis von Diversity Education geht sowohl über die Differenzlinien Nation/Ethnie/Sprache als auch über die Förderung von Leistung oder Geschäftsinteressen hinaus. Der Autor diskutiert Möglichkeiten der Übertragung des Diversity Management auf die berufliche Bildung und weist auf Potenziale und auf mögliche Gefahren hin. So komme es im Rahmen einer Betriebspolitik, die Managing Diversity mit der Frage nach human ressources im Unternehmen verbindet, nicht selten zur Unterstützung von Prozessen der Essentialisierung und Stereotypisierung. Dagegen müsse es im Kontext von Bildungsprozessen gerade darum gehen, Mechanismen wie Essentialisierung, Stereotypisierung, Fremdzuschreibung, Stigmatisierung, Defizitorientierung, Dichotomisierung und Hierarchisierung kritisch zu hinterfragen. Mit Rekurs auf Autor_innen aus dem angelsächsischen Raum macht auch Leiprecht darauf aufmerksam, dass es nicht nur darum geht, die pädagogischen Wahrnehmungsweisen und Veränderungsperspektiven auf alltägliche Inhalte und Praxisformen des Unterrichtens und der Lehrer-Schüler-Interaktionen zu richten, sondern auch die (Schule als) Organisation in den Blick zu bekommen. Leiprecht plädiert damit für eine Verbindung von Antidiskriminierung und kritischer Pädagogik mit diversity-bezogener Organisationsentwicklung in der beruflichen Bildung. 

 

Der dritte Themenschwerpunkt fokussiert die Unterrichtsebene. Welche Arbeitsformen eignen sich, um individuelle Neigungen und Stärken von Schüler_innen zu fördern und damit Heterogenität als Lernanlass zu nutzen? Hier stellt zum Beispiel Petra Hölscher Textszenarien und kooperatives Lernen als erfolgversprechende Unterrichtsformen im Bereich des Sprach- und Fachunterrichts vor. Beide unterstützen die Schüler_innen beim selbstständigen Lernen und helfen dabei, ganz unterschiedliche Potenziale und Herangehensweisen an verschiedene Textsorten zu befördern. Für Lehrende bedeuten diese Ansätze eine Veränderung ihres Rollenverständnisses: Sie werden verstärkt zu Moderator_innen von Bildungsprozessen. Das heißt in der Unterrichtspraxis für Lehrende vor allem eins: Das Einüben von Zurückhaltung! 

 

Der vierte Abschnitt dreht sich um die Aus und Weiterbildung von Lehrkräften und Ausbilder_innen. Hier stellt u. a. Nicole Kimmelmann mit einem Aufsatz über die Kompetenzen von Diversity Professionals Auszüge aus ihrer eigenen wissenschaftlichen und praktischen Arbeit vor. Welche Kompetenzen brauchen Professionelle, um den Anforderungen einer gerechten Bildungsarbeit in heterogenen Lernendengruppen entgegenzukommen? Kimmelmanns Diversity-Verständnis fokussiert kulturelle und sprachliche Diversität und stellt diese beiden Kategorien in den Mittelpunkt der Überlegungen. Auf der Grundlage von Expert_inneninterviews (mit Lehrkräften, Ausbildenden und interkulturellen Trainer_innen) und Seminaren im Kontext der Berufsbildung hat Nicole Kimmelmann Standards entwickelt, welche die professionellen Kompetenzen pädagogischer Professionals in der beruflichen Bildung abbilden. Diese Standards liegen wiederum quer zu den Dimensionen Rolle des Professionals, Curriculare und inhaltliche Planung, Gestaltung von Lernprozessen und Methoden, soziale Beziehungen der Lernenden, Umgang mit Konflikten, Umgang mit Sprache, Kooperation und Organisationsentwicklung. Kimmelmann versteht die von ihr entwickelten Standards vor allem als Anregung, die Professionellen in Bezug auf eine diversity-gerechte Berufsbildung Orientierung und Unterstützung bieten soll. 

 

Zusammenfassung: Der Band versammelt Beiträge zum Diversity Management auf verschiedenen Ebenen der beruflichen Bildung in Schulen und auch in Betrieben und weist damit eine relativ breit angelegte Perspektive auf. Unserer Meinung nach lassen sich aus allen Beiträgen gewinnbringende Anregungen für eine diversity-bezogene sprachliche und fachliche Weiterbildung beziehen. Passend zum Thema Diversity ist es auch die Vielfalt der abgebildeten Perspektiven und Untersuchungsgegenstände, die die Lektüre des Buches so bereichernd macht.

Bettina Kleiner

 

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