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Food Literacy: Einzelne Stationen eines Workshops

„Jetzt hören Sie genau/aufmerksam zu. Was mache ich, mit welchen Lebensmitteln? Ich fange mit was ganz Einfachem an!“ Die Workshopsteilnehmer/innen, Kursleiter/innen von Alphabetisierungs-/Grundbildungskursen bzw. Deutsch als Fremd- und Zweitsprachekursen, sitzen mit verbundenen Augen im Kreis. Die Workshopleiterin knackt eine Walnuss mit einem Nussknacker. Fast gleichzeitig rufen alle aus: „Eine Nuss knacken!“

„Jetzt wird es etwas schwieriger,“ kündigt die Leiterin an und beißt eine Reiswaffel an. Diesmal kommt die richtige Antwort nach ein paar Versuchen: „ Nein, es ist kein Knäckebrot, aber was ähnliches, auch kein Zwieback. Reiswaffel, richtig“. Ein paar Dosen mit Hülsenfrüchten werden aus einem roten Köfferchen geholt: Jetzt geht es darum das Geräusch der trockenen Bohnen von dem Rasseln der Linsen zu unterscheiden. Den Clou bildet zum Schluss eine batteriebetriebene Parmesanreibe: Hier muss das Riechorgan zu Hilfe kommen! Die Übung ist zu Ende. Die TN ziehen die Tücher weg, schauen sich die verschiedenen Objekte und Lebensmittel an. Eine TN deutet eine Melodie mit den Hülsefrüchte-Dosen an. Bei der Reflexionsphase geben alle an, dass es anregend war, Lebensmittel durch den Hörkanal wahrzunehmen. Nach dem eigenen Empfinden werden nun die spezifischen Ziele für die eigenen Kurse genannt: das Erweitern des Wortschatzes, eventuell auch des schriftlichen, das Steigern des Sich-Neues-Zutrauen und des Selbstvertrauens. Dies empfanden auch die Workshopsteilnehmer/innen bei der Übung.

Die Gruppe zieht dann zur nächsten Station. Ein Haufen bunter Minischokoladen, ein Strohhut, und andere Realia auf einem Tisch haben ihre Aufmerksamkeit angezogen: Hier ist keine Anleiterin für die Übung da, sondern stattdessen ein Arbeitsblatt mit der Beschreibung der Vorgehensweise. Die Teilnehmer/innen übernehmen jetzt die Rolle der Schlüsselpersonen, die an der Produktion der Schokolade beteiligt sind, vom Kakobauer hin zum Milchlieferanten und Einzelhandel. Die Schokoladentafeln symbolisieren den Verdienst der einzelnen Akteure: Wie viele Schokolädchen steht jedem zu? D. h. wieviel Prozent verdient jeder am Gesamtwert der erzeugten Schokolade? Es wird diskutiert, gestritten, begründet, argumentiert. Zum Schluss werden die eigenen Ergebnisse mit den Zahlen aus einem Informationsblatt vergleichen.

Es bleiben aber noch zwei Übungen: Die Bilder eines Rezeptes in die richtige Reihenfolge bringen und an der letzten Station auf einem Zeitstrahl mit wichtigen Meilensteinen im eigenen Leben wie Geburt, Einschulung, etc. besondere Merkmale eigener Essgewohnheiten einzutragen. Auch hier liegt ein Arbeitsblatt mit den Anweisungen und Fragen als Orientierung. 

Die Übungen, welche die Teilnehmenden an dem Workshop Food Literacy dabei sind zu erproben, sind vier von 27 Übungen, die der aid infodienst unter den Titel Food Literacy – Handbuch mit Übungen im Jahr 2011 neu herausgegeben hat. Das Buch will mit seinen Grundinformationen und erprobten Aktivitäten Erwachsenenbildnerinnen und -bildner konkret unterstützen, Food Literacy in ihren Kursen einzusetzen. 

Was ist Food Literacy und warum soll es als Querschnittsthema in die Erwachsenenbildung eingeführt werden? 

Der Begriff Food Literacy wurde in Anlehnung an ähnliche Bezeichnungen wie Health Literacy, Consumer Literacy bei den Partnern des gleichnamigen Grundtvig Projekts, eingeführt. An dem Projekt (2005-2007) waren Institutionen aus sieben Ländern beteiligt. Die Koordination lag beim BEST – Institut für berufsbezogene Weiterbildung und Personaltraining, Wien, sowie der Initiative Geschmacksbildung in Kooperation mit Slow Food, Wien. Es lag auf der Hand, im Rahmen einer transnationalen Partnerschaft einen englischen Begriff zu verwenden, der im Fachdiskurs über Literalitäten anschlussfähig ist. Einer der deutschen Partner, der aid infodienst, hat es sich zur Aufgabe gemacht den Ansatz und die Materialien über die Projektlaufzeit hinaus in die deutsche Erwachsenenbildung zu verbreiten. Seit Ende des Projekts bietet das aid in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung Workshops für Entscheidungsträger/inn/en in der Erwachsenenbildung und für Kursleitende. Punktuell sind andere Partner dazu gekommen, wie das Projekt AlBI, der Landesverband der Volkshochschulen im Rheinland-Pfalz und die Dr- Rainer Wild-Stiftung bzw. der Katholische Arbeitnehmer Bund. 

Über eine Kostprobe der Übungen hinaus wird in diesen Veranstaltungen die Notwendigkeit, Ernährungskompetenz als Querschnittsthema für die Erwachsenenbildung zu etablieren, diskutiert. Die tiefgreifenden sozialen, ökonomischen und politischen Veränderungen der letzen Jahrzehnten haben vor unseren Küchen nicht halt gemacht: zum einem lockt ein schier unüberschaubares Angebot an Lebensmitteln in den Geschäften an, Werbung, Hochglanz-Magazine, Fernsehsendungen versprechen aus unseren Mahlzeiten ein Erlebnis zu machen, zum anderem aber scheint die Kompetenz und das Wissen mit Lebensmitteln umzugehen ebenso abzunehmen wie die Kaufkraft breiter werdender Gruppen von Menschen. Familie und Schule vermitteln immer weniger Know-how im Bereich Ernährung,, der von existentieller Bedeutung ist. Eine Art „kulinarischer Analphabetismus" drohe, so die alte Internetseite des EU-Projekts Food Literacy.

Dem setzt das Projekt mit der Entwicklung von praktischen Übungen etwas entgegen; diese können in ganz unterschiedlichen Angeboten der Erwachsenenbildung eingesetzt werden. „Ob Sprachkurs, Computertraining oder Integrationsmaßnahme – in der Erwachsenenbildung sind Themen gefragt, die Erwachsene für sich als bedeutsam empfinden und die sie zum Lernen motivieren. Doch welches Thema eignet sich hierfür? Mit Sicherheit eines, das Emotionen weckt und zu dem viele Menschen einen Bezug haben. Eines, das den Dialog zwischen einander fremden Menschen anregt, egal welcher „Kultur“, sozialen Schicht und welchen Alters. Eines wie das Thema Essen“. So schreibt der aid Infodienst auf der neuen Internetseite von Food Literacy (https://www.aid.de/inhalt/food-literacy-1390.html). Food Literacy will nicht „gesunde Ernährung“ thematisieren, sondern Menschen für diese verschiedenen Themen um „Essen“ sensibilisieren und Gruppenprozesse in der Erwachsenenbildung positiv gestalten (ibidem). 

Erste Ergebnisse 

Die Ergebnisse in Alphabetisierungs- und Sprachkursen (nicht nur Deutsch), in denen Food Literacy extensiv erprobt worden ist, lassen sich sehen, wie der Abschlussbericht „Food Literacy im Alphabetisierungskurs: Lesen und Schreiben schmackhaft machen. Informationen und Empfehlungen für eine Fortbildung für Kursleitende von Alphabetisierungskursen“ zeigt. Die Befragten (Kursleiter und -leiterinnen in Deutsch- und Alphabetisierungskursen, die an zwei unterschiedlichen Fortbildungen im Rahmen des Projekts Alphabetisierung und Bildung (AlBI) teilgenommen hatten, gaben an, „Food Literacy sei ein geeignetes Konzept für den Alphabetisierungs- und Grundbildungsunterricht. Als Begründung nannten die Befragten die Bedeutung des Themas für den Alltag, die Möglichkeit zur Sensibilisierung der Lernenden für das Thema Essen und Trinken, die Anwendungsmöglichkeiten für verschiedene Zielgruppen, die vielen Möglichkeiten für den Unterricht, die Teilnehmerorientierung und die verbindende und unverfängliche Wirkung sowie den lustvollen und ansprechenden Charakter des Themas Essen und Trinken“ (Groeneveld, Grünhage-Monetti, Klinger, Wilhelmi 2011:15)

Die Anforderungen an Literacy sind in der modernen globalisierten Gesellschaft gestiegen, so dass von Literalitäten (im Plural) gesprochen werden kann: Aufgrund des Fortschritts der Informations- und Medientechnologie haben sich neue kommunikative Praktiken und Literaritäten entwickelt. Über die tradierten Formen des Lesens und Schreibens hinaus kommunizieren Menschen über iPods, Wikis, Blogs und SMS, aber auch mit Hilfe von Diagrammen, Statistiken, etc. und zunehmend auch in mehreren Sprachen. Die Themenbereiche, die zur Bewältigung des Alltags notwendig sind, sind vielfältiger und komplexer geworden. So bleibt es jedem Einzelnen selbst überlassen, aus der Überfülle an Informationen „Sinn zu machen“ und Inhalte zu erschließen, die man zur Alltagsbewältigung (als Verbraucher, Patient etc.) benötigt.

Literacy wird – bezogen auf dieses anwendungsbezogene Verständnis – metaphorisch zur Bezeichnung grundlegender Fähigkeiten verwendet. In der Verbindung mit dem Kulturthema Essen meint Food Literacy daher (analog zu Begriffen wie z.B. health literacy) die „Fähigkeit, den Ernährungsalltag selbstbestimmt, verantwortungsbewusst und genussvoll zu gestalten“ (Müller/ Groeneveld 2010:5) 

Matilde Grünhage-Monetti 

Zur Food-Literacy-Handreichung "Schmackhafte Angebote für die Erwachsenenbildung und Beratung"

 

Literatur 

Groeneveld,Maike/Grünhage-Monetti, Matilde/Klinger, Marion/Wilhelmi, Ines (2011): Food Literacy im Alphabetisierungskurs: Lesen und Schreiben schmackhaft machen. Informationen und Empfehlungen für eine Fortbildung für Kursleitende von Alphabetisierungskursen.

Lonsdale, Michele/McCurry, Doug (2004): Literacy in the New Millennium. Adelaide, NCVER 

Müller, Claudia/Groeneveld, Maike/Büning-Fesel, Margret (2007): Kulinarische Kompetenz entwickeln. Food Literacy als Querschnittsaufgabe für die Erwachsenenbildung. In: DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung 3/2007. 

Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD); Statistics Canada (Hrsg.) (2000): Literacy in the information age. Final report of the international adult literacy survey, S. x. 

Schlegel-Matthies, Kirsten (2005): Ernährungs- und Verbraucherbildung in der Reform. In: Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. (Hg.): „PISA“ in der Verbraucherbildung. Sind wir alle Konsum-Analphabeten? Schriftenreihe des Verbraucherzentrale Bundesverbandes zur Verbraucherpolitik, Band 3, 49- 54